Suche
Suche Menü

Wenn alles Trauma ist und einer die Lösung für alles anbietet

Ich freue mich eigentlich sehr, dass das Thema Trauma immer mehr Öffentlichkeit bekommt, denn es ist ein wichtiges Thema, über das aufgeklärt werden sollte. Leider gibt es auch Schattenseiten an der Popularität des Themas. Eine davon sind (manche) Traumainfluencer:innen, die Profit aus dem Thema schlagen. Oft nutzen solche Personen einen stark verwässertem Traumabegriff, der dazu führt, dass irgendwie alle traumatisiert sind. Besonders unangenehm sticht hier für mich ein Name hervor: Der Diplom Informatiker und selbsternannte Heiler „Gopal Norbert Klein“.

Da mich immer mal wieder Klient:innen auf ihn ansprechen, habe ich mir die Mühen gemacht, ihm ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu geben und zu hören und lesen, was er zu sagen hat. Das ist gar nicht leicht, denn Herr Klein hat Unmengen von Videos und Interviews produziert, betreibt mehrere Internetseiten, führte Interviews in diversen Podcasts und YouTube Kanälen, betreibt einen Telegram Kanal etc. Ich muss mich daher in meiner Recherche auf die Aussagen beschränken, für die ich die Zeit gefunden habe und nach einer Weile hatte ich ehrlich gesagt auch keine Lust mehr, ihm zuzuhören. Er sagt zwar auch vieles Richtiges zum Thema Trauma und doch sind seine Aussagen in Gänze mehr als problematisch.

Bevor ich auf meine traumaspezifische Kritik zu Gopal Norbert Klein komme, möchte ich jedoch den Kontext noch ein wenig erweitern. Auch hier beschränke ich mich auf die Punkte, die ich in meiner kurzen Recherche gefunden habe und die Vermutung ist naheliegend, dass sich hier noch mehr Abgründe auftun könnten:

  • Relativierung der Gräueltaten im Dritten Reich auf Telegram (August 2021) – so deutlich, dass sein eigener Verlag ein distanzierendes Statement herausgeben musste und ein Buchvorhaben vorübergehend stoppte
  • Werbung für diverse Rechte und rechtsextreme Personen auf Telegram, wie z.B. Reichsbürger Peter Fitzek, Ignaz Beath (ehem. Mitglied der rechtsextremen Partei national orientierter Schweizer (PNOS)) und viele weitere Personen des rechten Spektrums.
  • Sein politisches „Aufwachen“ würde er Manfred Petritsch verdanken. Einem Verschwörungstheoretiker, der skurrilste Thesen verbreitet.
  • Interview mit Ricardo Leppe („Wissen schafft Freiheit“) – ein Kanal, der klar im rechtspopulistischen bis rechten Spektrum agiert
  • Interview mit Benedikt Zeitner, einem Vertreter der Germanischen Neuen Medizin – einer „Methode“ deren Ansatz fragwürdig bis hoch gefährlich ist. Mehr dazu in diesem äusserst hörenswerten Podcast.
  • Auftritt bei Apolut (2024 mit Rüdiger Lenz) – ebenfalls ein Format mit publizistischer Nähe zu rechten und esoterisch-rechten Positionen

Quelle für alle obigen Angaben: www.psiram.com

Nun könnte man argumentieren, dass seine politische Haltung ja nicht notwendigerweise mit einem Mangel an traumspezifischem Fachwissen einher gehen muss. Doch Herr Klein ist nicht nur in politisch fragwürdigen Kreisen unterwegs, er stellt auch wissenschaftlichen Konsens in Frage. So zum Beispiel den menschengemachten Klimawandel.

Über sein Frauenbild möge sich jede(r) selbst eine Meinung bilden:

Quelle: www.psiram.com

Nun sagt Herr Klein von sich er sei „einer der renommiertesten Traumatherapeuten im deutschsprachigem Raum“. Nun, immerhin ist er transparent, was seine Ausbildungen angeht. Er benennt auf seiner Seite korrekt, dass er kein Arzt und kein Psychotherapeut ist. Er behauptet, dass er auch keine Psychotherapie ausüben würde, sondern ausschliesslich Lebensberatung. Diese Aussage ist bereits grenzwertig. In seiner Vita gibt er folgende Qualifikationen an:

Heilpraktiker für Psychotherapie (ca. 150 Stunden), Tibetan Pulsing (ca. 400 Stunden), Hatha Yoga (ca. 16 Stunden), Energetic Breathing® (ca. 160 Stunden), TRE® (ca. 80 Stunden), SSP (ca. 4 Stunden online), NARM® (ca. 117 Stunden), OOBE mit Hemi-Sync® (19 Stunden online/astral)).

Hinzu gesellen sich allerlei esoterisch-spirituelle Kurse, wie z.B. ein Telepathie-Training. Die Liste der esoterischen Seminare ist deutlich länger als die seiner Psychotherapie- und Traumaspezifischen Fortbildungen. Mittlerweile würde Herr Klein auch Traumatherapeuten ausbilden. Was auch immer ihn dafür qualifiziert.

Ich vergleiche seinen Qualifikationshintergrund mal mit Psychologischen Psychotherapeut:innen. Diese haben (nach dem alten Modell) ein mehrjähriges Psychologie Studium hinter sich gebracht, dann eine mehrjährige Psychotherapie Ausbildung absolviert (je nach Verfahren zwischen 600 und 1000 Stunden Theorie sowie ca. 1600 bis 2500 Stunden praktische Erfahrung bis zur Zulassung). Erst danach würde sich eine traumaspezifische Qualifikation anschliessen. Hierzu absolviert man dann zusätzlich zu allem oben erwähntem ein traumaspezifisches Curriculum. In der Regel eine einjährige Fortbildung.

Keine:e gesetzlich anerkannte/r Psychotherapeut:in ist einfach nur Traumatherapeut:in und das hat gute Gründe. In der Regel kommt niemand in eine psychotherapeutische Praxis und hat „nur“ Trauma, sondern die Menschen kommen mit einer Biografie und mit allem, was das Leben an Herausforderungen noch so mit sich gebracht hat und für das sie sich ebenfalls in psychotherapeutische Hände begeben haben. Für all diese Themen braucht es ein in einer Theorie fundiertes Modell und eine Umsetzung des Modells, wie in allen psychotherapeutischen Methoden vorgesehen. Nun habe ich grundsätzlich keine Probleme, mit den sogenannten Heilpraktiker:innen für Psychotherapie – wenn sie denn fundiert ausgebildet sind. Fundiert hiesse in diesem Fall: ein anerkanntes psychotherapeutisches Grundverfahren, welches durch eine traumaspezifische Fortbildung ergänzt wird. Diese Bedingungen sehe ich in Herrn Kleins Fall in keinster Weise erfüllt.

Das wiederum bringt mich zum nächsten und gewichtigsten Punkt meiner Kritik. Herr Klein arbeitet mit einer extrem verwässerten Definition von Trauma. Er stellt, ohne diese Aussage zu begründen, die These auf, dass „….wir alle als Gesellschaft unter massiven Bindungs- und Entwicklungstraumata leiden„….  Sowohl in der „Summe der Individuen als auch als Gesellschaft im Kollektiv…„. Zudem sagt er, dass „…alle Probleme, die wir in der Gesellschaft haben, auf diese Form von Bindungstrauma zurückzuführen ist.„, um dann zugleich den Begriff zu verwässern und zu sagen „…egal mit was jemand kommt, es lässt sich immer auf ungelöste Bindungskonflikte in der Kindheit zurückführen…“.

Bindungskonflikte und Bindungstraumata gleichzusetzen, wäre in etwa Vergleichbar als würde ein Politiker einen Konflikt mit einem anderen Land mit einem Krieg gleichsetzen.

Noch klarer wird seine Verwässerung durch diese Aussage: „…aus meiner Sicht ist die Ursache des Leidens fehlender Kontakt durch fehlende Kommunikation. Das ist Bindungs- und Entwicklungstrauma.“ …und… „Alles was wir sehen im Außen, in der Gesellschaft, ist Traumakompensation, mit ganz ganz wenigen Ausnahmen…“. Laut Herrn Klein, leiden wir also nahezu alle an schweren Bindungs- und Entwicklungstraumatisierungen.

Warum diese Aussage keinerlei Sinn macht:

Ein kurzer Exkurs ins Thema Bindung

Die Bindungstheorie, die aus der Bindungsforschung entstand, unterteilt uns Menschen aufgrund unserer frühen gemachten Bindungserfahrungen in verschiedene Bindungstypen. Hierbei wird zwischen 4 Bindungstypen unterschieden:

  • Sichere Bindung
  • Unsicher-vermeidende Bindung
  • Unsicher-ambivalente Bindung
  • Unsicher-desorganisierte Bindung

Die 3 unsicheren Typen sind Personen, die bestimmte Anpassungsmuster auf herausfordernde Bindungserfahrungen entwickelt haben. Die frühkindlichen Erfahrungen des unsicher-desorganisierten Typs werden oft -aber nicht immer- solche sein, die man als Traumatisierung bezeichnen würde. Die sichere Bindung liegt mit einer Häufigkeit von 60–70 %, unsicher-vermeidende und unsicher ambivalente Bindung bei je 10-15%. Der unsicher-desorganisierte Typ ist mit 5-10% in der Bevölkerung vertreten. Der weitaus größte Teil der Bevölkerung gilt also als sicher gebunden und ist weit entfernt von einer Bindungs- oder Entwicklungstraumatisierung, von der Herr Klein behauptet, dass wir nahezu alle unter dieser leiden würden. Selbst wenn man alle unsicheren Typen unter „Bindungstrauma“ subsumieren würde (was ein grober Fehler wäre), wäre noch immer der weitaus größte Teil der Bevölkerung nicht Bindungstraumatisiert. Warum Herr Klein das anderes sieht? Nun, dass nenne ich „Zielgruppenerweiterung“. Wenn wir nahezu alle traumatisiert sind, dann sind wir nahezu alle potentiell Klient:innen von Herrn Klein.

Eine Bindungstraumatisierung definiert sich durch äusserst schwere Erfahrungen in der Kindheit. Diese sind wahlweise makrotraumatisch, also jeweils sehr schwere Ereignisse oder aber mikrotraumatisch kumulativ. Dies wären zum Beispiel über einen langen Zeitraum andauernde Entwertungen und Überforderungen, lang andauernde Situationen, der fehlenden emotionalen und körperlichen Geborgenheit und des Alleinseins. Hierzu zählen auch emotionaler und Mißbrauch und Vernachlässigung oder vielfältige Trennungs- und Verlusterfahrungen. Es geht hier wirklich um schwere Fälle von Vernachlässigung der grundlegenden Bedürfnisse von Kindern.

Ich betone es erneut: Bindungskonflikte sind keine Bindungstraumatisierungen!

Warum ist diese Unterscheidung so wichtig? Weil Bindungskonflikte das klassische Metier einer Psychotherapie sind. Sie sind jedoch keine Traumatisierungen. Traumatisierung bedarf einen anderen Ansatz als klassische Psychotherapie. Herr Klein benennt sogar die Unterschiede. Er betont, dass Trauma eine Nervensystem-Regulationsstörung ist. Diese Aussage ist korrekt und genau das ist der Punkt, warum in der Traumatherapie Ansätze vorherrschen, die auf Nervensystemregulation basieren. Und dann wirft er doch wieder alles in einen Topf und behauptet, dass normale Konflikte, die jeder Mensch in der Kindheit erlebt, Traumata seien. Diese normalen Konflikte einer jeden Biografie sind jedoch weder Traumatisierungen, noch führen sie zu einer Regulationsstörung des Nervensystems. Sie sind einfach Teil einer jeden Biografie, die – wenn belastend – auch in einer Psychotherapie aufgearbeitet werden können. Hierzu braucht es jedoch kein traumaspezifisches Verfahren.

Apropos traumaspezifische Verfahren: Im „Bio 360 Grad“-Podcast wird Herr Klein nach weiteren Verfahren gefragt, unter anderem, nach EMDR. Seine Antwort macht mich fassungslos. Er sagt, er wird sich in seiner Antwort auf die erwiesenermaßen wirksamen Verfahren beschränken und lässt ausgerechnet EMDR explizit aus. Dabei ist dies eine der wenigen Methoden, die auf einer soliden Studienlage basiert und genau deswegen mittlerweile von den Krankenkassen bezahlt wird.

Komplexes Thema – einfache Lösung?

Herr Klein stellt zutreffend fest, dass es viel zu wenig (traumaspezifisch) ausgebildete Psychotherapeut:innen gibt. Selbst ohne Herrn Kleins verwässerten Traumabegriffs ist diese Aussage korrekt. Und für dieses Dilemma bietet er nun eine vermeintliche Lösung: Das „ehrliche Mitteilen“.

Von Bindungs- und Entwicklungstrauma betroffene Personen sollen sich in Selbsthilfe-Gruppen treffen und sich dann innerhalb eines von Herrn Klein entwickeltem Regelwerks einander ehrlich mitteilen. Das war es auch schon und das sei die Lösung für all uns Bindungstraumatisierte Menschen. Er sagt, dieser Ansatz sei ihm gekommen als Lösung für das Problem, dass es viel zu wenig Therapeut:innen gäbe, für all die traumatisierten Menschen. Ein Setting, in dem es gar keine Therapeut:innen mehr braucht. Nur noch die Regeln der Kommunikation, die er erarbeitet hat.

Warum erscheinen so viele Menschen dennoch von seinem Ansatz begeistert zu sein? Nun, er bietet Menschen ein Setting, welches in unserer Gesellschaft nicht mehr üblich ist. Ein Rahmen, in dem Personen sich ehrlich und offen mitteilen können und sollen. Ein Rahmen, in dem auch negative Gefühle ihren Raum bekommen und dies vom Gegenüber ohne Bewertung „empfangen“ werden. Ich war nie Teilnehmer bei einer seiner Gruppen, ich kann aber nachvollziehen, dass dieses Setting (wenn achtsam durchgeführt) durchaus einen positiven Benefit hat. Aber: Wie oben dargelegt sind die Teilnehmenden eben in der Regel vermutlich keine Bindungs- und Entwicklungstraumatisierten Personen, sondern schlichtweg Menschen mit ganz normalen Konflikten, die nahezu jede Biografie so mit sich bringt. Ich freue mich für jede Person, die im ehrlichen Mitteilen für sich einen Weg gefunden hat und bin mir sicher, dass dieses Setting für viele ein angenehmes ist.

Personen mit schweren Bindungs- und Entwicklungstraumata (die ja laut Herrn Klein seine eigentliche Zielgruppe sind) sollten meiner Meinung nach äusserst vorsichtig prüfen, ob dieser Rahmen für sie wirklich sicher erscheint. Es sind selbstorganisierte Gruppen, in denen in der Regel keine psychotherapeutisch geschulte Person anwesend ist und auch wenn Herr Klein Regeln für diese Gruppen definiert hat, kann nicht garantiert werden, dass diese eingehalten werden. Eine Erfahrung von positivem Miteinander ist sicherlich eine Erfahrung von der alle Menschen profitieren. Bindungs- und Entwicklungstrauma ist jedoch ein weitaus komplexeres Feld, in dem positive Bindungserfahrungen nur ein (wenn auch nicht unwesentliches) Element auf dem herausfordernden Heilungsweg sind.

Zu behaupten, dies sei der mehr oder weniger direkte Weg in die Heilung, halte ich für mehr als fahrlässig. Personen mit Bindungs- und Entwicklungstrauma erleben soziale Situationen oft als äusserst herausfordernd. Ob in diesem Rahmen aufgefangen werden kann, wenn eine stark traumatisierte Person in emotional bedrohliche Zustände gerät, möchte ich doch sehr bezweifeln.

Polyvagaltheorie: unhaltbar?

Ein Diskurs zwischen 39 Expert:innen und Stephen Porges

Worum geht es?

Die Polyvagaltheorie (PVT) wird in Traumatherapie, Körpertherapie und weiteren Feldern in den letzten Jahren vielfältig erwähnt und hat vielerlei Ansätze hervorgebracht, die sich auf diese Theorie berufen. Viele Menschen kennen Begriffe wie „ventraler Vagus“, „Fight or Flight“ oder „dorsaler Shutdown“. Das Modell der PVT hilft, innere Zustände verständlich zu machen – etwa warum wir uns manchmal verbunden und sicher fühlen und in anderen Momenten wie abgeschaltet oder eingefroren, aber es scheint nicht auf korrekten neurophysiologischen Annahmen zu basieren.

Im Februar 2026 erschien in der Fachzeitschrift Clinical Neuropsychiatry eine umfangreiche Kritik: 39 international anerkannte Expert:innen aus der Neurophysiologie und Evolutionsforschung argumentierten, dass zentrale biologische Annahmen der Polyvagaltheorie wissenschaftlich nicht haltbar seien. Stephen Porges, der Begründer der Theorie, veröffentlichte im selben Heft eine ausführliche Antwort.

Was bemängeln die Expert:innen?

1. Herzratenvariabilität misst nicht direkt den „Vaguszustand“

Ein zentraler Punkt der Kritik betrifft die sogenannte respiratorische Sinusarrhythmie (RSA), eine Form der Herzratenvariabilität. In vielen Darstellungen der Polyvagaltheorie wird sie als Anzeichen dafür gesehen, wie aktiv der beruhigende Teil des Vagusnervs ist.

Die Expert:innen betonen jedoch: Diese Messgröße wird von vielen Faktoren beeinflusst (zum Beispiel Atmung, Blutdruckregulation, Stress oder Alter) und ist kein direkter Spiegel eines „vagalen Tonus“. Sie ist eher ein indirektes Maß – kein Beweis für einen bestimmten autonomen Zustand.

2. Die „autonome Leiter“ sei zu vereinfacht

Die Polyvagaltheorie beschreibt drei Hauptzustände: soziale Verbundenheit (ventraler Vagus), Kampf oder Flucht (Sympathikus) und Shutdown oder Erstarrung (dorsaler Vagus).

Diese klare Zuordnung ist laut den Autor:innen neurophysiologisch nicht ausreichend belegt. Vor allem gebe es keine überzeugenden Beweise dafür, dass Dissoziation oder Erstarrung beim Menschen typischerweise durch einen bestimmten „dorsalen Vagusmechanismus“ ausgelöst werden.

3. Evolutionsargumente werden infrage gestellt

Die Polyvagaltheorie stellt dar, dass bestimmte Eigenschaften des Vagusnervs erst bei Säugetieren entstanden seien und soziale Verbundenheit ermöglicht hätten.

Die Expert:innen verweisen jedoch darauf, dass ähnliche Strukturen und soziale Verhaltensweisen auch bei anderen Wirbeltieren vorkommen. Daher sei die evolutionsbiologische Sonderstellung nicht so eindeutig, wie häufig dargestellt.

Fazit der Kritik

Die Autor:innengruppe kommt zu dem Schluss: Die biologischen Grundlagen der Polyvagaltheorie seien in ihrer derzeitigen Form nicht ausreichend abgesichert. Das bedeutet jedoch nicht, dass Beziehung, Sicherheit oder Körperregulation unwichtig wären – sondern dass die neurophysiologische Begründung überprüft werden müsse.

Die Reaktion von Porges

Stephen Porges widerspricht der Kritik. Er argumentiert, dass die Kritiker:innen seine Theorie nicht in ihrer Gesamtheit betrachten, sondern einzelne Messmethoden oder Detailfragen herausgreifen.

Aus seiner Sicht ist die Polyvagaltheorie ein übergeordnetes Modell der Zustandsregulation – also eine Landkarte, wie autonome Zustände organisiert sind. Diskussionen über einzelne Messgrößen seien nicht gleichbedeutend mit einer Widerlegung der gesamten Theorie.

Er betont außerdem, dass eine echte Widerlegung zeigen müsste, unter welchen klar definierten Bedingungen die zentralen Vorhersagen der Theorie nicht eintreffen. Das sei aus seiner Sicht bislang nicht überzeugend geschehen.

Was bedeutet diese Debatte für Betroffene und Therapeut:innen?

Die Polyvagaltheorie scheint in zentralen neurophysiologischen Grundannahmen nicht haltbar zu sein. Dennoch halte ich sie für die therapeutische Praxis als Orientierungsmodell für brauchbar.

• Die Sprache der Polyvagaltheorie kann hilfreich sein, um innere Zustände verständlich zu machen.
• Sicherheit, Co-Regulation und Körperwahrnehmung bleiben zentrale therapeutische Faktoren.
• Gleichzeitig sollte man vorsichtig sein, vereinfachte neurobiologische Aussagen als gesicherte Fakten darzustellen.

Viele Interventionen (zum Beispiel Atemarbeit, Beziehungsregulation oder Orientierung im Raum) bleiben sinnvoll – auch wenn die zugrundeliegende Neurophysiologie komplexer ist als die bekannte Drei-Stufen-Darstellung.

Man kann die Polyvagaltheorie als hilfreiche Metapher oder als Strukturierungsmodell nutzen, ohne sie als exakte Beschreibung der biologischen Realität zu verstehen.

Ich empfehle in diesem Zusammenhang auch diesen Podcast

Quellen

Grossman, P., et al. (2026). Why the polyvagal theory is untenable. Clinical Neuropsychiatry, 23(1), 100–112. DOI: 10.36131/cnfioritieditore20260110

Porges, S. W. (2026). When a Critique Becomes Untenable: A Scholarly Response to Grossman et al.’s Evaluation of Polyvagal Theory. Clinical Neuropsychiatry, 23(1). DOI: 10.36131/cnfioritieditore20260111

Traumafolgen: Zu komplex für TikTok und Co?

„ADHS ist eine Traumafolgestörung…..“, „Prokrastination ist eine Traumafolgestörung….“, „Mangelnder Selbstwert ist eine Traumafolge…. “ usw. In diversen Reels begegnen mir Varianten dieser sehr verkürzten und leider auch schlichtweg falschen Aussagen. Schon ein kleines Wort hätte hier einen Unterschied machen können, nämlich: „…. kann eine Traumafolge sein“. So habe ich es aber selten gelesen. In einem Reel ist nicht viel Zeit für die Erläuterung komplexer Themen. Warum sollte ich mich dann über das Fehlen eines kleinen Wortes aufregen?

Falsche Rückschlüsse: vom Symptom zur Ursache statt umgekehrt.

Was in diesen vereinfachten Aussagen über das komplexe Thema Trauma steckt, ist ein Rückschluss von einem Symptom (z.B. Prokrastination) auf eine Ursache (hier: Trauma). Das funktioniert so aber nicht. Es gibt eine lange Reihe möglicher Traumafolgen. Neben der sogenannten Trauma-Trias (Intrusionen, Übererregung, Vermeidung), in der sich eine PTBS zeigt, gibt es etliche weitere mögliche Traumafolgen. Es kann in Folge einer Traumatisierung auch zu Depressionen, sozialen Ängsten, starken Stimmungsschwankungen und vielem mehr kommen. Aber…. keines dieser Symptome lässt einen einfachen Rückschluss zu, was die Ursache des Symptoms ist. Hat eine Person zum Beispiel eine Depression, kann ich daraus auf keinen Fall automatisch ableiten, dass diese traumatisiert ist. Eine Depression kann etliche Ursachen haben und Trauma ist nur eine davon. Gleiches gilt auch für alle anderen Symptome. Trauma kann sich in Form von Aufmerksamkeitsstörungen zeigen. Aber nicht jede Person mit Aufmerksamkeitsstörungen hat ein Trauma. Und für mangelnden Selbstwert reicht es zuweilen, zu viel Zeit auf Social Media zu verbringen.

Absicht oder dem Medium geschuldet?

Wie ich oben bereits feststellte, hätte letztendlich das kleine Wörtchen „kann“ schon einen bedeutenden Unterschied gemacht. All diese Symptome können die Folge von Trauma sein, aber irgendeines dieser Symptome zu haben, heißt eben nicht notwendigerweise, traumatisiert zu sein. Es kann also nicht an mangelnder Zeit oder Platz in einem Reel oder Bild liegen. Die Antwort, die meiner Meinung nach dieser Vereinfachung zugrunde liegt, ist schlichtweg: Geld. Fast immer steckt hinter solch vereinfachten Aussagen ein Produkt, was verkauft werden soll. Und Produkte sollen natürlich an möglichst viele Menschen verkauft werden. Nun hat eine PTBS eine Lebenszeitprävalenz von 2-7%. Das ist also kein besonders großer Markt, um dort sein Produkt zu verkaufen.

Die guten und die schlechten Seiten an der zunehmenden Aufmerksamkeit rund um das Thema Trauma

Zunächst einmal: Ich finde es großartig, dass Traumatisierungen heutzutage deutlich ernster genommen werden, als es noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall war. Ein „stell dich nicht so an“ dürfte den meisten Menschen heute nicht mehr so leicht über die Lippen gehen, wie früher, da deutlich mehr Wissen in der Bevölkerung vorhanden ist, dass Trauma mit „sich anstellen“ nun so gar nichts zu tun hat. Es gab einen immensen Anstieg an Forschung und Fachliteratur, an Ratgebern und Selbsthilfebüchern. Es gibt etliche Trauma-Influenzer:innen – sowohl Expert:innen (und manchmal auch solche, die vorgeben welche zu sein) – als auch Kanäle von Betroffenen, die andere über ihren Lebens- und Leidensweg informieren. Das ist wirklich größtenteils zu begrüßen. Aber: Das Thema hat sich auch zu einem Markt entwickelt, in dem sich Geld verdienen läßt.

Auch das ist erst mal nicht grundsätzlich falsch. Natürlich sollen Personen, die viel Arbeit in ein Fachbuch, einen Ratgeber, einen Kurs oder was auch immer stecken dafür entlohnt werden. Das Problem fängt meiner Meinung nach da an, wo versucht wird, den Markt (sprich: die Zahl von Menschen, die von sich glaubt, traumatisiert zu sein) künstlich zu erhöhen.

Prokrastination ist keine Traumafolgestörung?

Alles mögliche kann sich in Folge einer Traumatisierung als Folgesymptome zeigen. Die Liste ist zu lang, um alle Folgen hier aufzulisten. Einige mögliche Folgen stehen oben. Aber: von keinem einzigen dieser Folgesymptome kann man den Rückschluss auf eine geschehene Traumatisierung ziehen. Einfach gesagt: Nur weil jemand prokrastiniert, muss die Person nicht traumatisiert sein. Und wenn jemand traumatisiert ist, dann kann es sein – muss aber nicht – dass die Person dann später prokrastiniert. Also: „Ich prokrastiniere, also bin ich traumatisiert“? Nein! „Ich bin traumatisiert und meine Prokrastination ist eine Folge davon?“ – vielleicht.

Wenn also eine Person, die ihr Geld mit Menschen verdient, die potentiell von Trauma betroffen sind, aus (in der Gesellschaft vielfach vorhandenen) Symptomen wie Depression, Prokrastination, sozialen Ängsten etc. den unzulässigen Rückschluss zieht, dass diese Menschen alle traumatisiert sein sollen, dann kann ich nur vermuten, dass es dieser Person vor allem darum geht, ihre Zielgruppe zu vergrößern, indem sie von möglichst vielen Symptomen behauptet, dass Trauma die zugrundeliegende Ursache dieser Symptome sei. Denn das kleine Wörtchen „kann“ sollte doch eigentlich in jede Erläuterung passen. Schau also genau hin, ob jemand mit dir Geld verdienen will, wenn Du das nächste mal liest „…… ist eine Traumafolgestörung“.

Warum traumatische Erinnerungen nicht einfach abgerufen, sondern intensiv wiedererlebt werden.

Traumatische Erinnerungen weisen eine einzigartige neurobiologische Struktur auf, die sie grundlegend von autobiografischen Erinnerungen unterscheidet. Autobiografische Erinnerungen können in der Regel bewußt abgerufen und zeitlich und kontextuell zugeordnet werden. Traumatische Erinnerungen zeichnen sich (oft) durch ein fragmentiertes, sensorisch-motorisches Wiedererleben aus, welches sich der bewussten Kontrolle entzieht.   

Neurobiologische Grundlagen traumatischer Erinnerungen

Autobiografische Erinnerungen entstehen durch die Integration sensorischer und motorischer Erfahrungen in übergeordnete kognitive Netzwerke wie das Default Mode Network (DMN). Dieses ermöglicht eine klare Unterscheidung zwischen Gegenwart und Vergangenheit und sorgt für eine flexible Verarbeitung von Erinnerungen.

Traumatische Erinnerungen hingegen bleiben in niederschwelligen sensorisch-motorischen Prozessen isoliert und können nicht in eine kohärente autobiografische Erzählung integriert werden. Sie werden durch sensorische Reize unwillkürlich reaktiviert und rufen intensive emotionale und körperliche Reaktionen hervor, die das Erlebte als gegenwärtig erscheinen lassen.

Unterschiede zwischen autobiografischen und traumatischen Erinnerungen

Diese Unterschiede erklären, warum klassische erinnerungsbasierte Befragungsmethoden in der Traumabehandlung oder im juristischen Kontext oft unzureichend sind.

Neurobiologische Mechanismen hinter traumatischen Erinnerungen

  1. Subkortikale und sensorimotorische Netzwerke:
  • Traumatische Erinnerungen sind mit einer Hyperaktivierung subkortikaler Strukturen wie des periaquäduktalen Graus (PAG) und der Amygdala verbunden, die für automatische Bedrohungsreaktionen zuständig sind.
  • Eine anhaltende funktionale Kopplung zwischen dem PAG und dem DMN führt dazu, dass Erinnerungen nicht als vergangene Ereignisse erkannt, sondern als gegenwärtig erlebt werden.
  1. Veränderte sensorimotorische Verarbeitung:
  • Die sensorischen und motorischen Netzwerke sind in PTBS-Betroffenen dysreguliert.
  • Während sensorische Reize bei gesunden Personen in übergeordnete kognitive Netzwerke integriert werden, bleibt in PTBS eine Hypervernetzung mit dem DMN bestehen, wodurch sensorische Fragmente des Traumas dominant bleiben.
  1. Beeinträchtigung des Gedächtnis-Updates:
  • Während sich autobiografische Erinnerungen durch neue Erfahrungen verändern, bleiben traumatische Erinnerungen aufgrund von Defiziten in den prädiktiven und integrativen Mechanismen des Gehirns bis zur Verarbeitung statisch.
  • Unverarbeitete sensorische Fragmente können nicht mit der aktuellen Realität abgeglichen werden, was zu wiederkehrenden Flashbacks führt.

Implikationen für Psychotherapie und Forschung

Die Erkenntnisse aus diesem Artikel haben bedeutende Konsequenzen für Therapieansätze und diagnostische Methoden:

Klinische Praxis:

  • Herkömmliche gesprächsbasierte Ansätze greifen oft zu kurz, da sie die sensorimotorische Fragmentierung traumatischer Erinnerungen nicht ausreichend adressieren.
  • Effektive Interventionen sollten sensorische und motorische Prozesse gezielt einbeziehen, z. B. durch somatische Therapieansätze, EMDR, Neurofeedback oder körperorientierte Verfahren wie Somatic Experiencing.

Juristische Bewertung traumatischer Erinnerungen:

  • Die Annahme, dass traumatische Erinnerungen ähnlich wie autobiografische Erinnerungen abgefragt werden können, ist problematisch.
  • Interrogationsmethoden, die sprachliche Kohärenz und Detailgenauigkeit fordern, sind für traumatisierte Zeug:innen oft ungeeignet und können zu Fehleinschätzungen führen.

Zukunft der Forschung:

  • Neurobiologische Studien sollten vermehrt sensorische und motorische Aspekte der Trauma-Reaktivierung untersuchen.
  • Machine-Learning-Ansätze könnten dabei helfen, individuelle Muster in der Gedächtnisverarbeitung zu erkennen und personalisierte Therapieansätze zu entwickeln.

Fazit

Traumatische Erinnerungen unterscheiden sich grundlegend von autobiografischen Erinnerungen – sowohl in ihrer Phänomenologie als auch in ihrer neurobiologischen Repräsentation. Kearney & Lanius (2024) fordern daher einen Paradigmenwechsel in der klinischen und juristischen Betrachtung von Traumafolgestörungen. Die Integration von sensorischen und motorischen Erfahrungen in therapeutische Interventionen könnte neue Möglichkeiten eröffnen, um die Fragmentierung traumatischer Erinnerungen zu überwinden und Patient:innen zu helfen, ihre Vergangenheit in einen kontrollierten, erinnerbaren Kontext zu integrieren.

(Quelle: Jan Gysi (jangysi.ch) sowie: Kearney, B. E., & Lanius, R. A. (2024). Why reliving is not remembering and the unique neurobiological representation of traumatic memory. Nature Mental Health, 2(10), 1142-1151.

https://doi.org/10.1038/s44220-024-00324-z

Jan Gysi versendet auch einen regelmäßigen Newsletter mit aktuellen Studien rund um das Thema Trauma: https://updates-psychotraumatologie.mailchimpsites.com/

https://doi.org/10.1038/s44220-024-00324-z

Ein wenig Neurobiologie

Verschiedene Hirnstrukturen spielen eine Rolle bei Traumatisierungen. Auf die wichtigsten gehe ich hier kurz ein:

Amygdala: Die Amygdala ist eine Kernstruktur im Gehirn, die eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung von Emotionen, insbesondere von Angst, spielt. Sie ist eine Art „Wächter“ unseres Gehirns, der andere Strukturen, die zum Beispiel Kampf oder Fluchtreaktionen ermöglichen, schnell aktiviert, falls Gefahr droht. Nach traumatischen Ereignissen ist die Amygdala oft überaktiviert, was zu intensiven und überwältigenden emotionalen Reaktionen führen kann, auch in Situation, in denen gar keine reale Gefahr droht. Man könnte auch sagen, die Amygdala macht ihren Job dann eher zu gut. Eine wichtige Aufgabe der Traumatherapie ist es, diese Überreaktion wieder zu regulieren.

Abbildung der „Mandelkerne (Amygdala) – Quelle: Wikipedia

Präfrontaler Kortex: Der präfrontale Kortex ist für höhere kognitive Funktionen, die Regulation von Emotionen und die Entscheidungsfindung verantwortlich. Traumatische Erfahrungen können die Funktion des präfrontalen Kortex beeinträchtigen, was zu Schwierigkeiten bei der emotionalen Regulation, Impulskontrolle und der Bewältigung von Stress führen kann. Er spielt eine wichtige Rolle, eine „Alarmmeldung“ der Amydala einzuordnen, und diese -falls er keine Bedrohung erkennt- wieder runter zu regulieren. Ist der präfrontale Kortex in seinen Funktionen jedoch beeinträchtigt, erschwert sich die Amygdalaregulation.

Hippocampus: Der Hippocampus ist eine Region im Gehirn, die für das Lernen und die Bildung von Gedächtnisinhalten, insbesondere für das episodische Gedächtnis, verantwortlich ist. Infolge von Traumatisierung kann der Hippocampus beeinträchtigt werden, was zu Gedächtnisproblemen und Schwierigkeiten führen kann, das traumatische Ereignis zu verarbeiten und zu integrieren. Der Hippocampus von Traumatisierten ist oft im Volumen reduziert. Diese Verringerung des Hippocampus-Volumens wird mit der Schwere und Dauer der Traumatisierung in Verbindung gebracht. Eine verkleinerte Hippocampusgröße kann sich auf die Gedächtnisfunktion und die Verarbeitung von emotionalen Erlebnissen auswirken.

Lage des Hippocampus im Gehirn Quelle: Wikipedia

Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HPA-Achse): Die HPA-Achse ist ein komplexes neuroendokrines System, das an der Stressreaktion beteiligt ist. Bei Traumatisierung kann es zu einer Dysregulation der HPA-Achse kommen, was zu einer erhöhten Freisetzung von Stresshormonen wie Cortisol führen kann. Dies kann langfristige Auswirkungen auf die Stressbewältigung und die allgemeine physiologische Gesundheit haben.

Neurotransmitter: Verschiedene Neurotransmitter spielen eine wichtige Rolle bei der Regulation von Stimmung und Emotionen. Bei Traumatisierung können Ungleichgewichte in den Neurotransmittersystemen auftreten, insbesondere im Serotonin-, Dopamin- und Noradrenalin-System, was zu Stimmungsschwankungen und -störungen und anderen psychischen Symptomen führen kann.

Nicht alle traumatisierten Personen weisen zwangsläufig diese spezifischen neurobiologischen Veränderungen auf. Die Auswirkungen von Traumata können von Person zu Person stark variieren, und viele Faktoren spielen eine Rolle bei der individuellen Reaktion auf traumatische Ereignisse.

Die Dissoziation der Gesellschaft

„Wir brauchen wache, spürende Menschen,

um den multiplen Krisen unserer Zeit zu begegnen.“

(Heike Pourian – Wenn Wir Wieder Wahrnehmen – Wach und spürend den Krisen unserer Zeit begegnen.)

Die Welt stellt uns täglich vor immense Herausforderungen. In den Medien wimmelt es von erschreckenden Nachrichten: Kriege, Klimakrise, Hunger, Flucht und viele andere Themenbereiche werden uns staccatoartig täglich vor Augen geführt. In sozialen Medien, in Zeitschriften, im Fernsehen. Viele von uns sind es gewohnt, diese Informationen relativ unberührt zur Kenntnis zu nehmen und schaffen es, von schrecklichen Nachrichten direkt auf ihre Lieblingsserie umzuschalten. Manchmal gibt es ein Ereignis, das uns stärker aufwühlt, aber insgesamt sind wir Menschen den ständigen Fluss an herausfordernden Nachrichten so gewohnt, dass er uns nicht mehr aus der Bahn wirft.

Hinzu kommen die eigenen persönlichen Herausforderungen. Beziehungskrisen, Verluste, Traumata, belastende Arbeitssituationen und vieles mehr. Diese sind schwieriger zu verdrängen, denn sie betreffen uns direkt in unserem Alltag. Um diesen zu bewältigen ist Verdrängung ein wichtiger Mechanismus. Würden wir all diese Belastungen ständig und in voller Intensität spüren, dann wären wir nicht alltagsfähig.

Aber es gibt eine Schattenseite dieses Verdrängungsmechanismus: Wir sind bereit, so sehr zu verdrängen, dass wir lieber uns selbst Leid antun, zum Beispiel in Form von Sucht, als uns mit unseren Emotionen zu verbinden und zugleich nehmen wir Schuld und Unrecht, welches Anderen widerfährt, hin und ziehen nicht die notwendigen Konsequenzen, die dieses Unrecht erfordern würde.

Ein offensichtliches Beispiel: Wir alle wissen, wie sehr Tiere leiden, die als zukünftiges Nahrungsmittel auf engstem Raum gehalten werden. Dennoch essen über 90% der Deutschen Fleisch. Ich vermute, nahezu niemandem von diesen 90%, ist das Leid der Tiere egal. Es gelingt ihnen einfach, das Leid zu verdrängen. Das ist die Voraussetzung, um in der Lage zu sein, am Tisch das Steak mit Genuss zu essen. Dabei helfen innere Glaubenssätze wie „Menschen haben schon immer Tiere gegessen“, die aber zum Beispiel die fürchterlichen Haltungsbedingungen der industriellen Massentierhaltung ignorieren.

Dieser Verdrängungsmechanismus lässt sich auf viele Aspekte des Lebens übertragen. Wir fliegen, obwohl wir wissen, wie sehr dies den Klimawandel voran treibt. Wir laufen an einem Obdachlosen vorbei und denken vielleicht so etwas wie „er ist selbst Schuld, er ist ja schließlich Säufer“ und ignorieren das Trauma welches er womöglich mit seiner Sucht zu kompensieren versucht. Wir lesen Nachrichten von gesunkenen Schiffen mit Geflüchteten an Bord und geben den Schleppern die Schuld, statt uns damit auseinanderzusetzen, dass unser Wohlstand auf der Armut anderer Länder basiert und diese Menschen zu uns fliehen und dabei ihr Leben riskieren, weil das Leben in ihren Heimatländern unaushaltbar geworden ist. (Auf der Seite slaveryfootprint.org kannst Du übrigens ausrechnen, wie viele Sklaven für Deinen Lebensstil arbeiten).

Wir bewegen uns täglich in diesem Spannungsfeld. Wären wir bereit, immer zu spüren, was uns und anderen und der Welt schadet, dann wäre der Schmerz immens. Halten wir diese Emotionen jedoch von uns fern, dann sind wir wiederum bereit, Unsägliches hinzunehmen. Ein Zitat aus dem bereits erwähnten Buch „Wenn wir wieder wahrnehmen“ bringt es sehr gut auf den Punkt:

„So nehme ich uns Menschen im Augenblick wahr, überfordert von unserer eigenen Verletzlichkeit. Und ich möchte vorsichtig diese Vermutung äußern: Weil wir diese Verletzlichkeit und Überforderung nicht fühlen wollen, haben wir uns das Bild vom überlegenen Menschen konstruiert – und auf die Spitze getrieben. Wir haben uns eine Kultur der Abgrenzung und Härte geschaffen und erklären sie für normal, um unsere Unsicherheit und unseren Schmerz nicht fühlen zu müssen. Und das erzeugt immer neuen Schmerz und immer neue Verletzung und immer neue Überforderung“

Ich gebe Heike Pourian mit dieser Einschätzung recht. Und doch kenne und erlebe ich ebenso Menschen, denen diese Abgrenzung so wenig gelingt, dass sie täglich nicht nur mit dem eigenen sondern zusätzlich noch mit dem Leid anderer so stark identifiziert sind, dass dies sie in die Handlungsunfähigkeit bringt.

Mich erinnert dieses Dilemma an das meiner traumatisierten Klient:innen. Auch diese schwanken oft zwischen dissoziiert sein von den eigenen Gefühlen und dem überfordert und überflutet sein von diesen. Und vielleicht sind diese Parallelen kein Zufall, denn Trauma in all seinen Ausprägungen ist meiner Meinung nach gesellschaftlich deutlich verbreiteter, als die diagnostischen Möglichkeiten dies abbilden könnten.

Und auch die Lösung ist meiner Meinung nach eine ähnliche. Es braucht die Fähigkeit, die eigenen Emotionen in einem gesunden Fluss zu halten. In der Mitte zwischen Überforderung (Identifikation) und Entkoppelung (Dissoziation).

Während viele meiner Klient:innen eher unter der Identifikation mit ihrer Traumatisierung leiden, also darunter, dass die mit dem Ereignis zusammenhängenden Emotionen sie überwältigen und es ihnen nicht gelingt, diese zu regulieren, sehe ich gesamtgesellschaftlich eher die Tendenz, dass wir uns auf dem Ufer der Dissoziation befinden, also alles tun, um nicht zu fühlen, was schief läuft. Die Wege, die wir dabei wählen sind vielfältig: Serien streamen, Alkohol trinken, Drogen nehmen, Sex, Arbeit, Sport, Tratschen, Kino usw usw. Alles was hilft, nicht zu spüren. Jedes Einzelne für sich kein Problem jedoch in der Gesamtheit ein ständiges „nicht in Kontakt mit sich sein“. Die wenigsten nehmen sich die Zeit, einfach mal inne zu halten, den Moment zu spüren. Einfach nur zu sein.

Das wäre meiner Erfahrung nach ein guter Anfang.

Innehalten

Spüren

Aber Achtung! Gefahrenhinweis! Dies könnte zum Fühlen führen! Könnte Emotionen hervorrufen! Und ja, dies ist einigen zu viel und auch das muss ernst genommen werden. Und dennoch ist das Spüren, das Fühlen die Voraussetzung, dass wir die Bereitschaft entwickeln unser eigenes Leben und das dieser Welt zum Guten zu verändern. Nur, wenn wir bereit sind zu spüren – auch den Schmerz – dann können wir verändern. Nicht auf dem Ufer der Dissoziation stehen bleiben, aber auch nicht auf dem Ufer der Identifikation verharren. Beides führt zur Erstarrung, zur Unbeweglichkeit, zur Resignation.

Der Weg in die Mitte führt über die Regulation. Wer zu wenig spürt, sollte sich Zeit nehmen, sich mit sich selbst und der Welt zu verbinden. Dies geht am direktesten über das Innehalten, das Wahrnehmen des eigenen Körpers, denn dort werden die Emotionen gehalten, oft in Form von muskulären Anspannungen. Diese zunächst einfach mal wahrzunehmen, ist ein erster wichtiger Schritt. Wenn Du das nicht gewöhnt bist, kann dies ein wenig Übung erfordern. Ein Weg, dies zu trainieren, wäre zum Beispiel ein Kurs in MBSR (der Dir auch hilft, besser mit Stress umzugehen). Aber auch Yoga, Meditation und andere Tätigkeiten, die die Körperwahrnehmung schulen sind hier hilfreich.

Sollte es auf dem Weg des Spürens zu einem Zuviel an Emotionen kommen, helfen Stabilisierungsübungen. Diese unterstützen Dich dabei, Deine Emotionen wieder in einen Fluss zu bringen, von dem aus sie erlebbar und erfahrbar sind, ohne dass sie Dich überfluten.

Ich bin der festen Überzeugung, dass der Weg aus dem individuellen Leid -und auch dem der Welt- das Fühlen ist. Dies ist der Weg in die Veränderung. Im Fluss zwischen Dissoziation und Identifikation ist Bewegung und diese ist die Voraussetzung, individuell und gesellschaftlich, die Veränderungen zu bewirken, die es braucht, um unser Leben lebenswert zu gestalten. Wer bereit ist, zu fühlen, wird weniger bereit sein, sich selbst, anderen oder der Welt Leid zuzufügen.

Warum habe ich mich nicht gewehrt?

Manche Menschen, die in einer bedrohlichen Situation traumatisiert worden, stellen sich später oft Fragen wie „Warum habe ich mich nicht gewehrt?“, „Warum habe ich nicht um Hilfe gerufen?“ usw. Daraus entstehen oft Schuldgefühle. „Hätte ich laut gerufen, dann wäre ich vielleicht gerettet worden.“, „Hätte ich mich gewehrt, dann hätte ich eine Chance gehabt.“. Tatsächlich ist es oft so, dass es diese Möglichkeit auf Gund der Reaktion des Nervensystems nicht gegeben hätte.

Ich beziehe mich in diesen Ausführungen primär auf erwachsene Personen, bei Kindern, die emotional und körperlich abhängig von ihren Bezugspersonen sind, kommen zusätzliche Faktoren hinzu.

In einer bedrohlichen Situation muss unser Nervensystem in Sekundenschnelle entscheiden, ob Kampf oder Flucht möglich sind. Entscheidet das Nervensystem, dass dies Optionen wären, dann spannen sich die Muskeln an, das Herz schlägt schneller, die Augen weiten sich. Gleichzeitig fixiert sich das Denken auf alle Varianten, die unser Überleben sichern könnten. In diesem Zustand wäre es durchaus möglich, sich zu wehren oder um Hilfe zu schreien. Oft gibt es diese Chance jedoch nicht, weil der Täter zum Beispiel deutlich stärker ist, oder es keine Chance gibt, aus der Situation zu entfliehen. In diesem Fall reguliert das Nervensystem die körperlichen Reaktionen herunter.

Es kommt zur Erschlaffung der Muskulatur und einer Einschränkung des Bewusstseins, eventuell bis hin zur Dissoziation. In diesem Zustand geht das Nervensystem davon aus, dass die Bedrohung so stark ist, dass sie sehr schmerzhaft (auch emotionaler Schmerz ist hier inbegriffen), oder sogar tödlich verlaufen kann. Dies geschieht, um die Erfahrung aushaltbar zu machen. Endorphine werden ausgeschüttet, um den Schmerz zu dämpfen. Ist eine Person im Zustand der „Erstarrung“ oder sogar „Erschlaffung“, dann ist ein Hilferuf oder sich zu wehren physiologisch schlichtweg nicht möglich. Sich diesen Aspekt bewusst zu machen ist ein erster wichtiger Schritt, um mögliche, mit einer Traumatisierung verbundene Schuldgefühle, aufzuarbeiten.

Transformation oder Regulation?

Die meisten Menschen, die sich in eine Traumatherapie begeben, tun dies mit dem Ziel, ihr Trauma zu verarbeiten. Dies ist aber leider nicht immer vollends möglich. Manche Menschen wurden so früh, so oft, so heftig verletzt, dass eine Traumaverarbeitung im klassichen Sinne oft nicht möglich ist. In einer Traumaverarbeitung wird das Trauma im geschützen Rahmen erinnert (oder die Körpererinnerung an das Trauma hervorgerufen), um dann verarbeitet zu werden. Wie das bei einem Monotrauma passiert habe ich in diesem Artikel dargestellt. Wenn nun aber eine Person in ihrem Leben etliche, manche hunderte traumatisierende Situationen erlebt hat, dann ist es schwer denkbar, dass diese in einem Leben im Rahmen einer Therapie verarbeitet werden können.

Es gibt durchaus Ansätze, die Erlebnisse zu „clustern“, das heisst, Erfahrungen einer ähnlichen Qualität gemeinsam zu bearbeiten. Das ist möglich, aber auch herausfordernder. Je komplexer und je früher die Traumatisierungen geschehen sind, umso schwieriger ist dieses. Auch sind viele Erfahrungen eventuell gar nicht erinnerbar, so dass die Verarbeitung vor weiteren Herausforderungen steht. Es kann also in einzelnen Fällen sein, dass das Ziel einer vollkommenen Überwindung aller Traumata (leider) gelegentlich unerreichbar ist.

Einige Ansätze, zum Beispiel EMDR, haben neben dem clustern noch die Strategie entwickelt, sich vor allem auf 3 Aspekte zu fokussieren: Die früheste erinnerbare Traumatisierung, die Schlimmste und die am kürzesten zurück liegende. Wenn diese 3 verarbeitet sind, dann ist bereits ein großer Schritt geschafft. Doch auch das reicht nicht immer. Hier kommt die „Regulation“ ins Spiel. Wenn die relevantesten Traumatisierungen verarbeitet sind, sollte es der traumatisierten Person bereits möglich sein, deutlich seltener getriggert zu werden und deutlich seltener emotional überschwemmt zu werden. Bereits im Vorfeld der Traumaverarbeitung sollten in der Therapie Übungen zur Selbstregulation erlernt worden sein. Diese sind zum einen relevant, um im Alltag besser mit Triggern umgehen zu können, haben aber auch eine besondere Relevanz in der Traumaverarbeitung, um, falls der Prozess zu intensiv wird, diese Übungen einzusetzen, um sich wieder zu beruhigen.

Ich empfehle machen meiner Klient*innen, ein „Triggertagebuch“ zu führen. Im EMDR nennt sich dieses das TICES-Tagebuch (Trigger, Image, Cognition, Emotion, Sensation). Die Idee ist, festzuhalten, durch welchen Auslöser (Trigger), welche inneren Bilder, Gedanken, Emotionen und Körpersensationen ausgelöst werden. So lernt die Person nach und nach, ihre Auslöser besser kennen. Meiner Erfahrung nach gibt es nahezu immer einen Auslöser, der identifiziert werden kann, auch wenn manche das Gefühl haben, dass die emotionale Überschwemmung einfach so passiert sei. Je klarer diese Zusammenhänge sind, umso erfolgreicher kann die Person lernen, sich zeitig zu regulieren.

Hier kommen nun wieder die Regulationsübungen ins Spiel. Je nach Reaktion auf den Trigger empfiehlt sich unter Umständen eine andere Übung. Ist die Reaktion vor allem körperlich, können dies zum Beispiel Atemübungen sein, ist sie stärker auf die Gedanken beschränkt (zum Beispiel Selbstabwertungen), helfen eventuell verhaltenstherapeutische Ansätze (zB „Gedankenstopp“), sind die inneren Bilder zu intensiv, kann eine Imaginationsübung helfen. Dies ist ein Grund, warum ich hier etliche Ressourcenübungen veröffentliche, denn nicht jede Übung wirkt für jede Person und Situation gleich gut.

Erst durch eine intensive Beschäftigung mit den Auslösern und den Folgen kann eine Person nach und nach erlernen, welche Ressourcenübung in dieser Situation am besten hilft. Im Idealfall gelingt es ihr eines Tages so rechtzeitig und effizient auf einen Auslöser zu reagieren, dass die negativen Emotionen und sonstigen Reaktionen, die ausgelöst wurden nur noch geringfügig sind, bzw. schnell wieder reguliert werden können. Wenn also die schlimmsten Ereignisse „transformiert“ wurden, indem sie verarbeitet wurden, können die restlichen Reaktionen im Idealfall gut „reguliert“ werden, um dadurch in der Lage zu kommen, auf Herausforderungen weitestgehend angemessen reagieren zu können.

Die goldene Mitte

Um zu visualisieren, worauf es in der Traumatherapie bzw. Traumaverarbeitung ankommt, habe ich diese Grafik erstellt:

Sie bezieht sich auf das sogenannte „Toleranzfenster“, dem emotionalen Bereich, in dem Traumaverarbeitung möglich ist, weil die damit verbundenen Emotionen weder zu stark sind, noch verdrängt werden müssen. Traumatisierte schwanken oft zwischen einem dissoziativen Zustand, in dem sie wenig oder nichts fühlen, oder einem Zustand der Übererregung, in dem Gefühle und Erinnerungen überhand nehmen und dadurch emotional stark herausfordernd werden. Das Toleranzfenster ist quasi die „goldene Mitte“ zwischen diesen beiden „Extremen“.

Im Laufe der Auseinandersetzung mit den Inhalten dieser Website ist mir aufgefallen, dass das Toleranzfenster als Methapher auch gut auf andere Bereiche übertragbar ist. Zum Beispiel auf die immer stärker werdenden spaltenden Tendenzen in unserer Gesellschaft. Viele Diskussionen werden nach einem schwarz oder weiss Schema geführt. Zwei (oder mehr) Seiten kämpfen um ihre Deutung einer Sachlage. Beide beharren auf der Richtigkeit ihres Standpunktes und stehen auf ihrem „Ufer“, nicht bereit, den anderen wahrzunehmen.

Viele kennen vielleicht dieses Zitate des persischen Dichters Rumi:

„Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort begegnen wir uns“.

Diese Haltung zu verinnerlichen, halte ich für äusserst hilfreich. Gerade gesellschaftliche Diskussionen, aber auch die zwischen Individuen wären deutlich heilsamer, wenn beide Seiten sich bemühen, das Gegenüber zu verstehen. Wir leben in einer äusserst komplexen Welt und viele haben ein Bedürfnis nach einfachen Erklärungen. Diese werden aber der Komplexität, die viele Themen ausmacht, nicht gerecht. Diese auszuhalten, also einen Standpunkt in der Mitte zu wahren, vielleicht sogar zuzugeben „ich weiß es (noch) nicht“ ist für viele eine große Herausforderung. Die Psychologie hat hierfür den wunderbaren Begriff „Ambiguitätstoleranz. Wenn wir aushalten können, dass andere die Welt anders erleben, als wir das tun, dann haben wir eine Chance, sie zu sehen, sie zu verstehen, vielleicht die Ängste oder Bedürfnisse, die hinter dem Verhalten stehen, zu begreifen, und können uns zusammen-setzen, statt eine Auseinander-Setzung zu haben. In der Metapher der obigen Grafik würden die streitenden Parteien dann zusammen im (wackeligen?) Boot sitzen, aber immerhin wären sie in Bewegung und würden sich nicht vom gegenüberliegenden Ufer aus „anschreien“.

In diesem Blog werde ich mich immer mal wieder mit traumaspezifischen Themen auseinander setzen und meine Gedanken dazu veröffentlichen.

Von der (Mono-)Traumatisierung zur Traumaverarbeitung

Ein Aspekt einer Traumatherapie ist die Verarbeitung des Traumas. Der Einfachheit halber gehe ich in diesem Artikel von einem sogenannten Monotrauma, also einer einmaligen Traumatisierung aus. Zum Beispiel ein schwerer Verkehrsunfall. Komplexere, insbesondere Bindungstraumatisierungen werde ich an anderer Stelle gesondert besprechen.


Es folgt nun eine Schilderung eines Autounfalls, falls Dich das schlimm triggern könnte, lies bitte nicht weiter.


Rast zum Beispiel auf einer Landstrasse ein anderes Auto rüber auf die Spur eines Autofahrers, dann erlebt dieser zunächst das Bild des auf sich zurasenden Autos. Sein Gehirn reagiert auf dieses in Millisekunden, denn sein Körper muss nun schnellstmöglich auf diese Situation reagieren. Die Amygdala, sein „Gefahrenmelder“ im Gehirn leitet sofort wichtige Prozesse ein, um in diesem Moment schnell reagieren zu können.

Abbildung der „Mandelkerne (Amygdala) – Quelle: Wikipedia

Sie informiert diverse weitere Hirnareale, die wiederum auf die Situation vorbereiten. Es beginnt die sogenannte Kampf-Flucht Reaktion. Die Muskeln spannen sich an, das Herz rast schneller, die Pupillen erweitern sich, das Gehör wird intensiver. Dies alles dient dem Zweck, sein Überleben zu sichern. Das Gehirn entscheidet in Sekundenschnelle, ob „Kampf“ oder „Flucht“ möglich wären. Da er aber im Auto sitzt, wäre beides nicht möglich. Die einzig mögliche Aktivität wäre in diesem Moment, auf die Bremse zu treten und das Steuer rum zu reissen. Dies wäre in diesem Beispiel das Pendant zu „Kampf“ (oder „Flucht“?). Beides wären Aktivitäten, die ihn potentiell retten könnten. In diesem beispielhaften Fall schaltet sein Gehirn jedoch auf „Erstarrung“, weil es realisiert, dass es aus der Situation kein Entkommen gibt. Der Körper bleibt angespannt, aber er ist nicht mehr in der Lage zu reagieren. Eventuell steigert sich das Ganze noch zur Erschlaffung, samt Dissoziation. Dies passiert, wenn sein Gehirn mit einem sehr schmerzhaften, potentiell tödlichem Ausgang rechnet. Die Erschlaffung hat evolutionsbiologisch den Zweck, den Tod vorzutäuschen (es ist ein Trick des Körpers noch aus Zeiten, wo zum Beispiel ein Raubtier Dich hätte attackieren können. Wenn Du erschlaffst -auch Totstellreflex genannt- dann denkt der Räuber unter Umständen, Du seist bereits tot und lässt im Idealfall wieder von Dir ab). Die Dissoziation wiederum ist ein Mechanismus, der in diesem Moment hilft, die möglichen Schmerzen (emotional und körperlich) ertragen zu können. Die Dissoziation führt aber auch dazu, dass verschiedene Elemente der Situation nicht mehr vom Gehirn als eine zusammenhängende Geschichte abgespeichert werden. Du kannst Dir das wie ein Puzzle vorstellen, dessen Teile auseinander fallen. Auf einem Teil war das Bild des Ereignisses, auf einem anderen die Geräusche, auf einem weiteren der Moment des Aufpralls des anderen Autos mit dem Klirren der Scheiben usw. Bedingt durch die Dissoziation und die Ausschüttung von Endorphinen verspürt der Fahrer möglicherweise keinen Schmerz direkt nach dem Unfall. Es kommt daher gelegentlich vor, dass Personen nach einem Unfall orientierungslos umher laufen und die Schwere der Situation nicht realisieren.

Nach dem Unfall kam es womöglich dazu, dass ein Krankenwagen kam, die Person erstversorgt und dann in ein Krankenhaus eingeliefert wurde. Möglicherweise gab es einen Armbruch oder andere Verletzungen. Zum Glück waren die körperlichen Verletzungen in diesem Beispiel nicht so schlimm, so dass die Person bald entlassen werden konnte.

In den nächsten Tagen schläft unser Fahrer schlecht. Immer wieder sieht er das Bild vom herannahenden Auto vor sich. Doch dann beginnt ein „Filmriss“. Die nächsten Erinnerungen sind, wie er im Krankenhaus liegt. An alles dazwischen kann er sich nicht mehr erinnern. Dieser Abschnitt wurde von ihm dissoziiert und ist im Moment dem Gedächtnis nicht mehr zugänglich. Wenn diese Erinnerungen hoch kommen, rast jedoch sein Herz, er schwitzt, die Muskeln spannen sich an. Der Körper reagiert genauso, wie im Moment des Unfalls. Eventuell spürt er körperliche Schmerzen, denn sein Körper erinnert den Aufprall. Die Erinnerung ist „implizit„, steht aber dem explizitem“ Gedächtnis nicht zur Verfügung. Manchmal schreckt er hoch, weil er den Knall des Aufpralls erinnert.

In seinem Körper geschieht eine „als ob“-Reaktion. Er reagiert, also ob der Unfall genau jetzt erneut passieren würde. Die Situation ist für das Gehirn nicht abgeschlossen. Auf Grund der Dissoziation sind die „Puzzlestücke“ nicht wieder zusammen gesetzt und das Gehirn reagiert erneut, wieder mit dem Ziel, das Überleben zu sichern, aber mit dem Unterschied, dass in diesem Moment gar keine Lebensgefahr herrscht. Ich erkläre meinen Klient*innen oft, dass Traumatherapie die Aufgabe hat, „dem Gehirn die Verwechslung von Vergangenheit und Gegenwart wieder zu nehmen“. Die Ursprungssituation konnte nicht abgeschlossen werden. Diesen Prozess holen wir in der Traumatherapie nach. An dem Beispiel wird deutlich, warum Traumatherapie immer den Körper (das Körpererleben) einbeziehen sollte. Denn hier zeigt sich die Traumasymptomatik primär.

Besonders schlimm wird dies, wenn bestimmte Auslöser ihn an den Unfall erinnern. Besonders herausfordernd ist natürlich das Autofahren selbst. Immer wenn er es versucht bekommt er feuchte Hände, sein Herz rast und er sieht sich nicht in der Lage, den Motor zu starten. Das liegt daran, dass seine Amygdala, deren Zweck es ja eigentlich ist, unser Überleben zu sichern, nun durch bestimmte Auslöser überreagiert und lieber zu schnell und zu viel Reaktionen produziert, als zu wenig. Diese Symptomatik führt in dann letztendlich auch in eine Traumatherapie.

Was passiert in der Traumaverarbeitung?

Um das Erlebte zu verarbeiten braucht es mehrere Komponenten. Bisher habe ich vor allem über die physiologischen und emotionalen Konsequenzen einer Traumatisierung gesprochen. Zusätzlich gibt es oft solche, die mit dem Selbstbild zu tun haben. Es können starke Scham oder Schuldgefühle entstehen („warum habe ich nicht….“, „Hätte ich doch…“, „Ich bin einfach zu….“). Auch diese Ebene sollte in der Therapie bearbeitet werden. Manchmal stehen noch ganz andere Themen an, bevor es an die Verarbeitung geht. Manchmal zum Beispiel hat sich eine Person in ein süchtiges Verhalten begeben in der Hoffnung, so die Traumsymptome in der Griff zu bekommen. Dann sollte diese möglicherweise zuerst in der Therapie bearbeitet werden. Dies alles sind wesentliche Aspekte einer (Trauma-)Therapie. Die Traumaverarbeitung ist dabei nur ein Teil der Therapie. Wir gehen nun in diesem Beispiel der Einfachheit halber davon aus, dass unser Fahrer „nur“ die sich aufdrängenden Erinnerungen mit den dazugehörigen physiologischen und emotionalen Reaktionen hat.

Ich habe bereits beschrieben, wie verschiedene Elemente der auslösenden Situation fragmentiert im Gedächtnis abgelegt werden (Die „Puzzlestücke“). Gleichzeitig ruft die Erinnerung an das Trauma oft entweder Übererregung, also sehr starke Emotionen hervor, oder auch Untererregung, also ein emotionales abgekoppelt sein von dem Erlebten. Nun braucht es aber zur Neuvernetzung einer Erinnerung, dass das neuronale Netzwerk, was diese enthält, zunächst aktiviert werden muss. Darum ist es in der Traumaverarbeitung unerlässlich, die Erinnerung zu reaktivieren. Die Herausforderung für Therapeut*in und Klient*in besteht nun darin, diese Erinnerung nur so weit aufsteigen zu lassen, dass sie zwar emotional spürbar wird, aber nicht „überschwemmend“ ist. Wie kann man das hinbekommen?

Nun, das ist zum einen der Grund, warum in der Traumatherapie vor der eigentlichen Verarbeitung das Einüben von Ressourcen- und Stabilisierungsübungen ansteht, denn diese sollen gewährleisten, dass falls die Emotionen doch zu herausfordernd werden, diese jederzeit wieder reguliert werden können. Den genauen Ablauf einer Traumatherapie schildere ich demnächst in einem anderen Blogartikel. Hier sei aber bereits erwähnt, dass eine Traumatherapie aus 3 (in manchen Modellen 4) Phasen aufgebaut ist: 1. Anamnese/Diagnostik, 2. Stabilisierungsphase, 3. Traumaverarbeitungsphase, 4. Neuorientierungsphase.

Ist die Person, die ihr Trauma verarbeiten möchte vom inneren und äusseren Umfeld her stabil genug, dass sie sich emotional gut selbst regulieren kann, dann kann also die Phase der Traumaverarbeitung beginnen.

Eine adäquate Methode der Traumaverarbeitung, sollte gewährleisten, dass diese unterstützend bei der Selbstregulation ist. Die meisten heutzutage angewandten Methoden machen sich dabei das Prinzip der Bifokalität zunutze. Das bedeutet, dass immer zwei Fokusse bestehen. Ein Fokus liegt auf dem Traumaerleben und einer auf einer Ressource. Oder auch einer in der Vergangenheit und einer im Hier und Jetzt. Einer auf der Bedrohung und einer auf der Sicherheit. Je nach Methode wird dies unterschiedlich bewerkstelligt. Im Brainspotting ist es zum Beispiel die Ressourcen-Blickrichtung und die Aktivierungsblickrichtung. Beim Somatic Experiencing wären es die Ressourcenort im Körper und der Bereich, an dem sich die körperliche Empfindung in Bezug auf das Trauma zeigt. Im EMDR wird sich innerlich mit der traumatisierenden Situation verbunden, oder zum „sicheren Ort“ gewechselt. Das ist eine sehr verkürzte Darstellung der Methoden, aber ein zentrales Element einer Methode sollte sein, dass die Person, die ihr Trauma verarbeiten möchte, jederzeit eine schnelle Regulationsmöglichkeit hat, falls die durch die Erinnerung ausgelösten Emotionen zu intensiv werden.

Wenn jemand Schreckliches erlebt hat, warum sollte sie/er sich dann wieder daran erinnern müssen?

Um eine Traumaerinnerung zu verarbeiten, ist es leider notwendig, diese erst mal zu aktivieren (sprich, sich wahlweise bewusst zu erinnern, oder -je nach Methode- die körperlichen Auswirkungen in Bezug auf bestimmte heutige Auslöser wahrzunehmen),denn dies aktiviert die neuronalen Netze, in denen die Erinnerung liegt. Diese Aktivierung ist eine Bedingung für eine Neuvernetzung. Zugleich möchte sich aber natürlich niemand noch einmal genau so fühlen, wie in der Ursprungssituation. Darin liegt die große Herausforderung der Traumaverarbeitung. Die Erinnerung sollte durchaus emotional sein, aber nicht zu herausfordernd. Das Ziel ist es, emotional im sogenannten Toleranzfenster zu bleiben. Im Toleranzfenster zu bleiben heisst, in der Lage zu sein, die Traumaerinnerung zu fühlen (emotional und körperlich), aber von diesem Gefühl nicht überschwemmt zu werden. Immer sollte die Person in der Lage sein, noch festzustellen, dass sie Hier & Jetzt nicht in Gefahr ist, sondern sich nur an die Gefahr erinnert.

Eventuell braucht es dazu ab und an eine Reorientierung, zum Beispiel durch die 5,4,3,2,1 Übung. Traumaverarbeitung ist also eine Gratwanderung zwischen dem „zu wenig“ (nicht fühlen, dissoziiert sein) und dem „zu viel“ (von den Emotionen überschwemmt sein, sich so fühlen, als ob alles jetzt wieder passiert). Wenn es gelingt, im emotionalen Toleranzfenster zu bleiben, dann können die Erinnerungen wieder hoch kommen und nach und nach verarbeitet werden. Das heisst zum einen, dass sich die „defragmentierten Puzzlestückchen“ wieder zusammen setzen (in unserem Beispiel des Autofahrers würde er vielleicht nach und nach alle Elemente des Unfalls wieder erinnern und in eine kongruente Reihenfolge bringen können), zum anderen aber lernt unser Gehirn in der Traumaverarbeitung, dass die Gefahr vorüber ist. In anderen Worten: Wir bringen der seit dem Unfall äusserst leicht erregbaren Amygdala bei, dass sie zukünftig wieder angemessen reagiert. Angemessen würde in unserem Beispiel bedeuten, dass eine normale Autofahrt ohne die emotionalen und körperlichen Symptome wieder möglich wird und sie dennoch schnell reagiert, wenn eine reale Gefahr droht.

Ein wichtiger Aspekt ist hierbei: Traumaverarbeitung löscht nicht die Erinnerungen an ein Trauma, sondern sie setzt an den Reaktionen auf dieses an. Im Idealfall kann sich die Person dann komplett an das Trauma erinnern, aber bleibt frei von den überwältigenden emotionalen und physiologischen Reaktionen, die die Ursprungssituation bestimmt hatten. Wenn dies möglich geworden ist, dann kann das Ereignis in die eigene Biografie integriert werden, ein Teil der eigenen Geschichte werden, der nicht schön war, aber dessen Auswirkungen aufs Heute regulierbar sind. Bezogen auf unser Beispiel mit dem Autounfall würde dies bedeuten, dass der Fahrer wieder entspannt in ein Auto steigen kann und ohne Herzrasen und Angst auf der Landstrasse fahren kann, ja sogar am Ort seines damaligen Unfalls vorbei fahren kann, ohne dass die starken emotionalen Reaktionen beginnen.

Zusammenfassung: Zur Verarbeitung eines Traumas ist es notwendig, sich an dieses zu erinnern (oder emotional-physiologische Reaktionen in Bezug auf einen Auslöser zu erleben – nicht alle Traumata werden explizit erinnert, manche nur implizit). Es braucht die physiologisch-emotionale Reaktion, um das neuronale Netzwerk zu aktivieren, welches neu verschaltet werden soll. Die Reaktion auf die Erinnerung sollte so gut wie möglich im emotionalen Toleranzfenster gehalten werden. So kann dem Gehirn nach und nach beigebracht werden, nicht mehr zu stark auf ein in der Vergangenheit liegendes Ereignis zu reagieren.

Ich habe bewußt ein überschaubares Ereignis genommen – ein Monotrauma. Leider ist Trauma oft deutlich komplexer und leider gibt es Personen, die etliche Traumatisierungen erlebt haben. Herausfordernder in der Verarbeitung sind zum Beispiel Traumata, die durch Bezugspersonen entstehen und solche, die chronisch sind. Hier entstehen komplexere Herausforderungen, weil sie gleichzeitig einhergehen mit Schuldgefühlen, ambivalenten Emotionen (z.B. „ich liebe ihn doch, warum tut er mir das an?“), einem Grundverlust des Sicherheitserlebens, tiefen Mißtrauen in alle Menschen usw. Die Verarbeitung früher, komplexer Traumatisierung dauert entsprechend länger und muss mehr Ebenen beachten als die Verarbeitung eines Monotraumas, denn sie hat die Person in essentiellen Kernthemen wie Sicherheit, Geborgenheit, Vertrauen in tiefste Verunsicherung geführt.

Wenn Stabilisierung nicht oder nur wenig gelingt, oder die Menge an erlebten Traumatisierungen zu immens erscheint, kann es sinnvoll sein, auf andere Methoden zurück zu greifen. TRIMB ist zum Beispiel eine Methode, die sich bewährt hat, bei Personen, denen Stabilisierung nur schwer gelingt.

Bestellungen beim Universum – oder wie (manche) Esoterik Schuld bei Traumatisierten kreiert

„Du musst nur genug dran glauben“. „Was Du denkst, wird sich manifestieren“. „Denke positiv“. „Wie hast Du Dir das kreiert?“. „Ändere deine Gedanken und du änderst dein Schicksal“. Gurus, Mentalisierungscoaches, Influencer oder andere Personen in der Öffentlichkeit bedienen gerne die Haltung, dass alles, was Dir widerfährt durch Deine Gedanken beeinflussbar ist. Ich will dabei gar nicht in Frage stellen, dass positives Denken hilfreich ist. Im Gegenteil, optimistische Menschen leben zufriedener. Aber in der Argumentation, wie sie gerne von manch „spirituellen“ Menschen benutzt wird, gibt es einen gefährlichen Umkehrschluss: „Wenn es nicht gut läuft, dann hast Du Dir das wohl selbst kreiert“. Es gibt kein Thema was von diesem Konzept ausgenommen zu sein scheint. Selbst Krebs sei eine selbst kreierte Erkrankung behaupten manche Ansätze. „Du musst nur an den Punkt in Deinem Leben zurück gehen, an dem Du ´Nein´ zum Leben gesagt hast und diesen bearbeiten“ ist eine Aussage, die ich schon mehrfach gehört habe.

Ich habe selbst mal in einem Workshop in dem es um Selbstverantwortung ging durch den Leiter das fiktive Beispiel von drei Frauen, die Nachts durch einen Park gingen gehört. Zwei kämen heil auf der anderen Seite wieder an, die Dritte wurde vergewaltigt. „Wie hat sich die Dritte das kreiert?“ war eine Frage, die erschreckenderweise ernsthaft dort diskutiert wurde.

Warum ich darüber schreibe? Weil ich immer wieder auf ähnliche, viel populärere Beispiele stoße. Ob „The Secret“, „Bestellungen beim Universum“, „Das Gesetz der Anziehung“, #LuckyGirlSyndrome (aktuell auf TicToc), diverse Life-Coaches auf YouTube und viele mehr. Sätze wie „Du musst es Dir nur in Deinen Gedanken manifestieren“ und die implizierte andere Seite der Medaille: „Wenn Dir Mist widerfährt, dann hast Du Dir das selbst kreiert“ sowie die komplett esoterische Erweiterung: „Falls Du in diesem Leben alles richtig gemacht hast, Dir aber trotzdem Mist widerfährt, dann ist das eben eine Konsequenz aus den falschen Taten in Deinem letzen Leben“ sind Giftsätze. Gift, welches sich als Spiritualität oder aber Lifestyle tarnt, in Wirklichkeit aber Schuld kreiert. Wenn es mir nicht gelingt, positiv zu denken, dann bin ich selber Schuld. Wenn mir Schlimmes widerfährt, muss ich schauen, wie ich dies kreiert habe, damit ich zukünftig verschont bleibe. Ich denke, Du ahnst, warum mich das als Traumatherapeut so wütend macht. Denn dieses Denken impliziert, dass Traumatisierte sich ihr Trauma selbst kreiert haben, dass sie und nur sie allein verantwortlich sind für ihr Schicksal (wie dann übrigens auch Arbeitslose, Obdachlose, und -siehe oben- auch an Krebs Erkrankte, denn sie hätten ja schließlich „Nein“ zum Leben gesagt). Und damit sie in Zukunft dann doch das glückliche Leben haben, nachdem sie sich sehnen, müssen sie einfach nur beim Universum bestellen, was sie sich wünschen und dann wird alles gut??

Kleiner „not so fun fact“ am Rande: Bärbel Mohr, Autorin vom Millionen Bestseller „Bestellungen beim Universum“ hatte nicht nur ein heftiges Burnout, sondern starb mit 46 Jahren an Krebs und hinterliess einen Mann und 2 Kinder. Ich bin mir sicher, manches Wesen wird auch hierfür eine einleuchtende karmische Erklärung haben.

Es ist natürlich sinnvoll, seine Biographie und mögliche Traumata in ihr aufzuarbeiten. Trauma kreiert chronischen Stress im Körper und chronischer Stress macht krank. Es erhöht sogar die Wahrscheinlichkeit für manche Krebsarten. Das ist noch zu wenig erforscht, um dazu klare Aussagen zu machen, aber Zusammenhänge sind gegeben. Wenn eine Person ihr Trauma verarbeitet hat, und danach weniger Stress im System hat, dann kann sich das in Folge auch positiv auf ihr Immunsystem auswirken. Ob dies so weit geht, dass chronische Krankheiten sich damit erledigen, steht allerdings in den Sternen und einzelne positive Beispiele sind noch lange kein Beweis, dass Traumaverarbeitung grundsätzlich zur Heilung von körperlichen Erkrankungen führt.

Das bringt mich zu der nächsten Falle: „Du bist (noch) nicht so weit“. Wenn über esoterisches Denken, der Glauben kreiert wird, dass es möglich ist, alles zu überwinden, denn am Ende steht ja schließlich die Erleuchtung (und laut manchem Guru die Heilung aller Krankheiten), dann hieße dies ja: Solange jemand noch erkrankt, deprimiert, in Angst, mit dem Trauma assoziiert oder was auch immer ist, dann ist diese Person halt noch nicht so weit und muss weiter auf „spirituellen“ Pfaden wandeln. Dies wiederum kreiert ein ständiges Gefühl von „ungenügend sein“. Man erlebt gesündere oder glücklichere Personen als „besser“, „weiter“ und sich selbst halt als „noch nicht so weit“. Solche Ideen spülen sicher einiges an Geld in die Portemonnaies so mancher Gurus oder Lifestyle Coaches, denn es gibt immer noch was zu tun, immer noch einen Schritt zu gehen.

In der Gestalttherapie wird vom sogenannten „Paradox der Veränderung“ gesprochen. Erst wenn Du Dich ganz so annimmst, wie Du bist, kann Veränderung passieren. Diese Art zu Denken entspricht mir mehr, als alles, was ich oben erwähnt habe. Doch dieser Schritt ist nicht einfach. Viele Ereignisse im Leben (insbesondere traumatische) gehen mit Schuldgefühlen, Ideen von „ungenügend sein“ einher. Wir alle haben in unserem Leben hunderte wenn nicht tausende Bewertungen erlebt, durch Eltern, Erzieher, Lehrer, Freunde, Partner. Diese gravieren sich tief in unser Selbstbild ein. Auch hier ist es nicht einfach ein: „Lieb Dich, wie Du bist“ und dann wird alles gut. Dies ist ein langwieriger Prozess des Bearbeitens und Begreifens der eigenen (Trauma-)Geschichte. Sich selbst als schuldig zu empfinden ist nämlich -so bizarr es klingen mag- oft die einzige Möglichkeit, um in einem bedrohlichen Umfeld zu überleben. Denn wenn jemand als Kind Schreckliches erlebt, aber sich nicht aus dem Umfeld entfernen kann, weil man halt ein Kind ist, dann erzeugt dieses Schuldgefühl eine scheinbare Kontrolle in einer unkontrollierbaren Situation. Das Kind gibt sich selbst die Schuld und versucht, sich zu optimieren, in der Hoffnung, dass der Wahnsinn im Außen (bei dem die wahre Schuld liegt) sich dann legen wird. Diesen Mechanismus zu durchschauen ist ein erster wichtiger Schritt um sich von den als erwachsene Person noch immer bestehenden Schulgefühlen zu befreien. Dies ist ein langwieriger Prozess und nicht durch ein einfaches „denk positiv“ zu bewerkstelligen. Neben der Traumaverarbeitung ist dies ein weiterer wesentlicher Aspekt einer Traumatherapie.

Und bevor ich meine spirituellen Leser*innen (und Klient*innen) verschrecke: ich begreife mich durchaus als spirituellen Menschen. Aber um zu begreifen, dass alles mit allem zusammenhängt, reicht mir die Biologie und die (Quanten)Physik. Um zu begreifen, dass nur ein „Ja“ zum Leben mit Allem, was dies enthält, inklusive der Natur und meinen Mitmenschen, unsere Welt zu einem besseren Ort wandeln kann, brauche ich keine Gurus, sondern das Erleben, wie heilsam es ist, sich der Welt gegenüber respektvoll zu verhalten. Um zu begreifen, dass Meditation mich in die Stille führen kann (die wiederum für manch traumatisierten Menschen recht bedrohlich ist), muss ich mich nur hinsetzen, mich in Ruhe und mit Mitgefühl mir selbst zuwenden und kann dies direkt erleben. Dafür jedoch ist der wichtigste Aspekt, ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Menschen, die diese Zustände nie erlebt haben, haben einen aufreibenden Weg vor sich. Traumatherapie kann hierbei ein wichtiger Schritt sein.

Ich erlebe die meisten meiner Klienten oft als -auf eine Art- Gesündere in einer pathologischen Gesellschaft, denn sie sind, im Gegensatz zu Vielen, bereit zu spüren, was schief läuft. Dies ist ein wichtiger Schritt nicht nur zur eigenen Heilung sondern auch der unserer (Um)Welt. Ein wunderbares Buch zu diesem Thema ist: „Wenn wir wieder wahrnehmen„. Auch hier gilt für mich wieder das Prinzip der „Goldenen Mitte„. Sich mit dem Schmerz der Welt zu identifizieren ist nicht gesund, sich aber zu distanzieren und sich weigern, wahrzunehmen, was alles schief läuft ist ebenso nicht heilsam. Im Toleranzfenster kann auch die Gesellschaft heilen. Indem wir anerkennen und bereit sind, zu spüren, dass einiges schief läuft, ohne uns davon resignativ aus der Bahn werfen zu lassen, sondern diesen Schmerz annehmen als Inspiration zur positiven Veränderung. Und nein, das ist leider nicht ganz so leicht, wie manch ein Bestseller oder Influencer es uns verkaufen will.

Ich komme immer zuerst (und warum dieser Satz nicht egoistisch ist)

Eine Geschichte, die ich gerne meinen Klient*innen erzähle, ist folgende: Die Kita meiner Tochter war eine Elterninitiative. Das heisst, wir Eltern haben diese gegründet und entsprechend auch die Einstellungsgespräche mit den potentiellen Erzieher*innen geführt. Eines Abends sassen wir Eltern also alle an einem Tisch und hörten von einer Bewerberin folgenden Satz: „Ich komme immer zuerst… und dann kommen eure Kinder“. Wir wichen allen innerlich zurück und warfen uns Blicke zu, die sagten „Die Frau wird auf keinen Fall eingestellt“. Doch dann ergänzte sie: „Stellt euch vor, es ist Winter und ich bin mit 8 Kindern draussen gewesen und komme zurück in die warme Kita. Wenn ich dann nicht zuerst meine Jacke ausziehe und für mich sorge, dann ist mir beim dritten Kind, dessen Jacke ich ausziehen muss so heiss, dass ich schlechte Laune bekomme und nicht mehr nett zu eurem Kind bin. Ich muss also zuerst für mich sorgen, damit ich gut für eure Kinder sorgen kann“.

Plötzlich klang „Ich komme immer zuerst…“ ganz anders in meinen Ohren und ich stimmte ihr innerlich zu. Natürlich ist es wichtig, dass es ihr gut geht und dass sie zunächst für sich sorgt. Es ist die Bedingung, dass sie gut für andere da ist. Diese Szene ist nun viele Jahre her, doch sie ist noch immer ein Teil meiner Realität. Gleiches gilt für mich. Wenn ich gut für meine Klient*innen da sein möchte, muss ich zunächst gut für mich sorgen. Denn nur, wenn es mir gut geht, dann habe ich genug Energie übrig, um gut für andere da sein zu können. Und natürlich gilt das auch für alle anderen. Sorge zunächst gut für Dich und im Umkehrschluss: wenn es Dir gerade nicht so gut geht, ist es natürlich vollkommen in Ordnung, auch mal eine Bitte abzulehnen. Es gibt natürlich Ausnahmen, in denen man die eigene Befindlichkeit auch mal beiseite stellen muss. Wäre zum Beispiel beim obigen Beispiel mit der Erzieherin ein Kind auf dem Weg in die Kita hingefallen und würde nun weinen, dann hat dies selbstverständlich Vorrang, denn der Trost des Kindes ist für den Moment dann wichtiger, als die zu warme Jacke der Erzieherin. Das Prinzip „Ich sorge zuerst für mich, damit ich (auch) gut für andere sorgen kann“ halte ich dennoch für eine sehr gesunde Haltung. Und manchmal kann dies auch heissen: Ich stelle mich selbst für eine lange Zeit in der Vordergrund, denn es ist wichtig, dass ich die nächsten Monate (oder Jahre) vor allem für mich selbst sorge. Viele, gerade früh bindungstraumatisierte Menschen, haben nämlich einen langen Zeitraum erlebt, dass die Bedürfnisse anderer mehr zählen, als die eigenen, haben es zu einer inneren Selbstverständlichkeit werden lassen, sich selbst zurück zu nehmen und bedingungslos zu erfüllen, was von ihnen verlangt wird. Um das dann zu kompensieren, kann es notwendig sein, erst mal eine ganze Weile primär an sich selbst zu denken und alles andere zurück zu stellen. Manchen hilft diese Geschichte, zu erkennen, dass „Ich komme immer zuerst“ nicht nur nicht egoistisch ist, sondern essentiell, selbst wenn ich (ab und an) auch mal für andere da sein möchte.

Brainspotting

Brainspotting™ wurde 2003 von dem New Yorker Psychoanalytiker David Grand aus dem EMDR heraus entwickelt, und hat sich in den letzen Jahren zu einer bedeutsamen Methode im Bereich der Traumatherapie entwickelt.

Im Brainspotting wird der innere Zugang zu dem traumatisierenden Ereignis über die äußere Blickrichtung des Klienten sehr präzise gesteuert. Die Blickrichtung hat nämlich einen Einfluss drauf, wie stark wir uns innerlich emotional mit einem erinnerten Thema verbinden. Je nach Blickrichtung kann so eine negative emotionale Erinnerung, oder alternativ ein positiver emotionaler Aspekt präzise fokussiert werden. Zusätzlich können über weitere Interventionen (zB ein Auge abdecken) die emotionalen Aspekte stärker hervor gerufen oder milder in den Hintergrund gerückt werden.

Mit Brainspotting ist daher eine sehr genaue und behutsame Traumaverarbeitung möglich. Im Fokus stehen hierbei vor allem die physiologischen Erlebnisse in Erinnerung an ein traumatisierendes Ereignis. Diese werden nach und nach abgebaut, so dass bei einer Erinnerung an das Ereignis diese oftmals starken physiologischen Reaktionen ausbleiben und daher die Erinnerung emotional nicht mehr überfordert. Die Gefahr einer Überflutung der Klient*innen ist weitestgehend gebannt durch die Möglichkeit, jederzeit zwischen Ressource und Aktivierung zu wechseln.

Brainspotting ist ein integratives Modell, welches mit allen therapeutischen Ansätzen kompatibel ist. Es fließt sehr harmonisch in den jeweiligen therapeutischen Prozess mit ein.

Deep Brain Reorienting (DBR)

DBR ist eine von Dr. Frank Corrigan entwickelte Methode der Trauma-Gedächtnisverarbeitung, die sich aus dem Verständnis von Reiz-Reaktions-Sequenzen im oberen Hirnstamm entwickelt hat. Das Verfolgen dieser Sequenzen, mit dem Wissen, wie sie physiologisch ablaufen, aktiviert einen Heilungsprozess und im Optimalfall eine vollständige Auflösung der Folgen der traumatischen Erfahrungen. Im DBR wird vor allem auf die Orientierungsreaktion, die vor dem eigentlichen traumatisierenden Ereignis geschieht, fokusiert. Von dieser aus wird die traumatisierende Erfahrung prozessiert und zu dieser wird innerlich zurück gekehrt, sollte der Prozess zu intensiv werden. Durch behutsames Fokussieren auf Spannungszustände in Gesicht, Kopf und Hals und dem Wahrnehmen von damit verbundenen Emotionen wird der Hirnstamm in die Lage versetzt, abgespeicherte traumatische Erinnerungen zu verarbeiten und loszulassen.

DBR kann auch dann nützlich sein, wenn Bindungsbedürfnisse aufgrund negativer Erfahrungen in einen Konflikt geraten sind. Wenn zum Beispiel die Fähigkeit, sich in Richtung Bindung zu orientieren, gleichzeitig den Impuls auslöst, sich zu entfernen, oft verbunden mit dem Auftreten negativer Affekte, kann es einen tief konflikthaften Drang geben, sich mit Anderen zu verbinden.

Ego-State Therapie

Der Ego-State Therapie liegt ein Teilemodell der Persönlichkeit zugrunde. Aspekte menschlicher Persönlichkeit, formen neuronale Netzwerke aus, welche als „Ich-Zustände/Teile“ bezeichnet werden und eigene Kognitionen (Gedanken), Affekte, Verhalten und eine eigene Biographie beinhalten. Ich-Zustände können als sich verändernde Energien innerhalb einer Gesamtpersönlichkeit gesehen werden. Ausgangspunkt der Ego-State Therapie war dabei nicht die Pathologie, sondern allgemeinmenschliche Persönlichkeitsentwicklungen, weshalb sie auch für die Behandlung der meisten  Krankheitsbilder einzusetzen ist. Ich-Zustände und Selbst unterliegen einem „ständigen Fluss dynamischer Veränderungen“ (Federn 1952). Ich-Zustände weisen eigene Bedürfnisse auf, eigene Stärken und Schwächen. Probleme und Pathologien entwickeln sich dann, wenn Ich-Zustände nicht mehr mit anderen Anteilen harmonieren und kooperieren.  

Ausformuliert wurde die Ego-State Therapie von John & Hellen Watkins (1979 u. später), bis heute wurde sie immer wieder modifiziert und ergänzt, in Verbindung mit dem hypnosystemischen Ansatz sowie der Hypnoanalyse entwickelten sich ganz eigene Zugangsmöglichkeiten. 

Die hohe Traumarelevanz dieser Therapie ergibt sich dadurch, dass eine der  Bedingungen unter der Ego-States entstehen können, traumatische Erfahrungen sind. Diese können dafür sorgen, dass Ich-Zustände entstehen, die nicht gut in die Gesamtpersönlichkeit integriert sind. Es entstehen Teile, welche das traumatische Erleben tragen und dafür sorgen, dass es nicht verstörend in die Gesamtpersönlichkeit hineinflutet. Durch dissoziative Mechanismen können diese States so stark differenziert sein, dass sie mit anderen Ego-States kaum mehr kommunizieren. Der Extremfall wäre die dissoziative Identitätsstörung (früher: „multiple Persönlichkeit“).

Ego-State Therapie kombiniert einzel-, gruppen- und familientherapeutische Methoden um zu diesen dysfunktionalen, unkooperativen Teilen in Kontakt zu gehen und sie zu besserer Kommunikation und Kooperation zu bewegen. Insbesondere hypnotherapeutische Methoden sind hier hilfreich um diese  Ego-States gezielt anzusprechen und mit ihnen so zu arbeiten, dass traumatisches Erleben integriert werden kann. Jeder Ich-Zustand dient letztlich der Anpassung und hat einen hilfreichen Kern. So geht es also um Integration der Teilpersönlichkeiten und nicht um deren Auflösung oder Verschmelzung. 

TherapeutInnen arbeiten sowohl mit einzelnen Teilpersönlichkeiten als auch mit dem Gesamtsystem der Teile. Es gibt in der Ego-State Therapie sowohl Möglichkeiten der ressourcenfördernden Arbeit, als auch Techniken aufdeckender und durcharbeitender Interventionen.  

Therapeut:in und Klient:in schaffen sich gemeinsam einen Überblick welche Ich-Zustände relevant sind in Bezug auf die zu behandelnden Symptome, welche Rolle sie im Leben des Klienten spielen und wie sie miteinander kooperieren. Ziel der Ego-State Therapie ist die Integration und verbesserte Kooperation der Ich-Zustände des Klienten und damit ein höheres Maß an Selbstbewusstsein und Selbstregulation. Ego-State Therapie ist damit eine faszinierende Reise in Facetten der eigenen Persönlichkeit und dient im Bereich der Traumatherapie zu einem besseren Umgang mit traumatischen Erfahrungen, zu Symptomerleichterungen und einer Neukonfiguration neuronaler Netzwerke und damit der Gesamtpersönlichkeit.

Ego-State Therapeut*innen sollten gut ausgebildet und qualifiziert sein, um den Erfordernissen dieser Arbeit zu entsprechen. Dabei kann diese Therapieform sehr gut in andere Therapiemethoden integriert werden. 

EMDR

EMDR steht für „Eye Movement Desensitization and Reprocessing“ und ist eine psychotherapeutische Methode, die dazu verwendet wird, traumatische Erlebnisse oder andere belastende Erfahrungen zu verarbeiten. EMDR wurde in den 1980er Jahren von der Psychologin Francine Shapiro entwickelt.

Die Methode basiert auf der Annahme, dass traumatische Erfahrungen zu einer Fehlverarbeitung im Gehirn führen, die dazu führt, dass bestimmte Erinnerungen an das traumatische Ereignis immer wieder auftauchen und emotional belastend sind. Durch gezielte, bilaterale Augenbewegungen oder andere bilaterale sensorische Stimulationen (z.B. Töne oder Vibrationen) sollen diese Erinnerungen neu verarbeitet und integriert werden.

Im EMDR werden innere Bilder, die dazugehörigen Kognitionen und die aufsteigenden Empfindungen in Bezug auf eine zu verarbeitende Situation fokussiert.

Während der Behandlung führt die/der Therapeut:in die/den Patient:in dazu, sich an das traumatische Ereignis zu erinnern und gleichzeitig bilaterale Augenbewegungen auszuführen oder sensorische Stimulationen wahrzunehmen. Die/der Patient:in folgt mit ihren/seinen Augen den Fingern der/des Therapeut:in, die/der diese vor den Augen des Gegenübers hin- und herbewegt. Ziel ist es, die belastenden Erinnerungen zu desensibilisieren, das heißt, sie emotional weniger belastend zu machen, und sie in das allgemeine Gedächtnis zu integrieren. Während der Sitzung ist die/der Patient:in in der Regel vollständig wachsam und aufmerksam. Die Wiederholung des Prozesses über mehrere Sitzungen hinweg soll schließlich dazu führen, dass das Trauma im Gedächtnis der/des Patient:in nicht mehr als so belastend empfunden wird und die Symptome abklingen.

EMDR wird als wirksame Behandlungsmethode für posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) angesehen. Es gibt jedoch auch Anwendungen für andere belastende Erfahrungen wie Angststörungen, Depressionen, phobische Störungen und chronische Schmerzen.

EMDR lässt sich in alle klassisch therapeutischen Behandlungsansätze integrieren. Es ist eine relativ kurze Behandlungsmethode, die normalerweise zwischen sechs und zwölf Sitzungen umfasst. Allerdings kann die Anzahl der Sitzungen je nach Schweregrad der Symptome und individuellen Bedürfnissen der/des Patient:in variieren.

EMDR ist, neben Verhaltenstherapeutischen Ansätzen zur Zeit die einzige traumatherapeutische Methode, die in Deutschland von den Krankenkassen erstattet wird – wenn von approbierten Therapeut*innnen angewandt.

Wer sich als Betroffene*r über diese Methode informieren möchte, dem empfehle ich dieses Buch.

Enaktive Traumatherapie

Enaktive Traumatherapie ist eine Methode für die Behandlung von chronischen traumabezogenen Dissoziationen der Persönlichkeit und basiert auf der Theorie der Strukturellen Dissoziation.

Enaktive Traumatherapie wird durch den enaktiven Ansatz in Philosophie, Psychologie und Biologie beeinflusst – mit folgenden Prämissen: 
Im Hinblick auf diesen Ansatz sind alle Menschen, ob traumatisiert oder nicht, 1. im Wesentlichen in ihrer Umgebung verkörpert und eingebettet. Sie sind 2. zielorientierte menschliche Organismus-Umwelt-Systeme, die in erster Linie bestrebt sind, ihre Existenz zu erhalten und 3. ursprüngliche affektive Systeme, die darauf ausgerichtet sind, Dinge zu verstehen. Der Mensch ist 4. darauf ausgerichtet, in sich als ein mentales und phänomenales Ich, eine Welt und ein Ich-als-Teil-von-dieser-Welt hervorzubringen.
Und 5. ist der Mensch bestrebt, primär Wissen auf der Grundlage der eigenen zielgerichteten sensomotorischen und affektiv aufgeladenen Aktionen zu erwerben.
Wie für jede Form des Lebens ist diese Inkraftsetzung das gemeinsame Ergebnis von Merkmalen des lebenden Organismus (Individuums) und Merkmalen der Welt.

In diesem Licht ist ein Trauma eine Verletzung eines gesamten menschlichen Organismus-Umwelt-Systems. Ihr Kern ist die mangelnde Integration verschiedener dynamischer Sehnsüchte und Bestrebungen: derjenigen, die die Sehnsucht danach haben, ein alltägliches Leben zu leben und vermeintliche Bedrohung zu vermeiden (insbesondere traumatische Erinnerungen), und solche, die die Sehnsucht danach haben, Integrität des Körpers zu verteidigen. 
Bei dissoziativen Störungen nehmen diese Modi die Form von zwei oder mehr bewussten und selbstbewussten dissoziativen Subsystemen an, die ihr eigenes mentales und phänomenales Selbst, die Welt und das Selbst als Teil dieser Welt darstellen. Diese Subsysteme können als dissoziative Teile der Persönlichkeit des/der Patient*in bezeichnet werden, da „Persönlichkeit“ als Organismus-Umwelt-System verstanden wird.

Eine Dreiheit von prototypischen dissoziativen Teilen kann unterschieden werden: Offensichtlich normale Teile der Persönlichkeit (ANP), die sich im täglichen Leben bewegen und sich bemühen, den Alltag zu navigieren und dabei traumatische Erinnerungen und emotionale Teile der Persönlichkeit (EP) zu vermeiden. In traumatischen Erinnerungen sind fragile Emotional Parts (EP`s) vor allem bestrebt, ihre Existenz angesichts der großen Bedrohung durch die Abwehraktionen von Säugetieren (z. B. Flucht, Einfrieren, Totstellen) zu bewahren. Kontrollierende Emotionale Teile (EP`s) streben danach, Kraft und Macht auszuüben, um den unerträglichen Gefühlen der Ohnmacht zu entkommen. 
In diesem Zusammenhang können sie die Täter bis zu einem gewissen Grad nachahmen. 
Die verschiedenen dissoziativen Teile neigen dazu, zu fürchten, zu verachten und zu vermeiden, können sich aber auch gegenseitig stören. Abgesehen von Phobien traumatischer Erinnerungen und dissoziativer Teile entwickeln viele Personen, die von ihren Eltern und / oder anderen signifikanten anderen vernachlässigt, misshandelt oder missbraucht worden sind, Phobien der Bindung und des Bindungsverlusts. Infolgedessen werden traumatische Erlebnisse und Erinnerungen sowie dissoziative Teile nicht integriert und bestehen als sensomotorische, affektiv aufgeladene Erfahrungen, die immer wieder nachgestellt werden.

Enaktive Traumatherapie ist das Bestreben, das integrative Defizit zu korrigieren. 
Es umfasst den/die Patient*in und den/die Therapeut*in als zwei Organismus-Umweltsysteme, die eine gemeinsame Welt mitgestalten und bestrebt sind, gemeinsame Ergebnisse zu erzielen. Zusammen erzeugen sie neue Handlungen und Bedeutungen. Ihre Zusammenarbeit und Kommunikation ähnelt dem Tanzen: Es braucht Tempo, Abstimmung, Timing, Sensibilität für Gleichgewicht, Bewegung und Rhythmus, Mut sowie die Fähigkeit und Bereitschaft, zu folgen und zu führen. Es geht um die Entwicklung von „Leidenschaften“ zu Handlungen und bewussten Aktionen. Der Einzelne engagiert sich mit Leidenschaften und erlebt Trauer, je mehr er*sie handelt, das heißt, von äußeren Ursachen beeinflusst wird. Je mehr die Patient*innen ihre eigenen Meister sind, desto mehr handeln sie und je mehr sie handeln, desto mehr erleben sie Freude.

Enaktive Traumatherapie ist dabei eine mitfühlende und engagierte Bemühung, das Bewusstsein auf Kommunikationsebenen zu bringen, die es erlauben, in für die Patient*innen machbaren Schritten, neue wohlwollende und heilende Erfahrungen entstehen zu lassen
Geführt von der Kraft und Macht der Aktionen und Handlungen des*der Patient*innen ist die Enaktive Traumatherapie bei komplexen und chronischen Traumatisierungen ein phasenorientierter Prozess, der körperorientierte Interventionen beinhaltet. 
Grundsätzlich werden Körper und Geist als eine funktionale Einheit verstanden.

Text mit Genehmigung von Fortschritte Hamburg

Imagery Rescripting & Reprocessing Therapy (IRRT)

Die IRRT ist ein therapeutischer Ansatz zur Behandlung der PTBS und anderer Traumafolgestörungen, bei dem bildhafte Vorstellungen und verbale Arbeit miteinander verbunden werden. Ziel ist es, belastende innere Bilder aufzurufen, ihnen zu begegnen, sie zu verändern und emotional zu verarbeiten.

Eine typische Sitzung gliedert sich in drei Schritte:

  1. Das belastende Bild wird innerlich erneut aufgerufen, zusammen mit den Gefühlen, die zum Trauma gehören.
  2. Das heutige Ich stellt sich dem Täter oder Täterbild entgegen und nimmt dem Geschehen seine Macht.
  3. Abschließend entstehen beruhigende, tröstende und versöhnliche innere Bilder, in denen das aktuelle Ich dem damaligen, verletzten Ich begegnet.

Wesentliche Merkmale dieses Vorgehens sind:

  • Eine offene, fragende therapeutische Haltung. Die Therapeutin strukturiert den Ablauf, aber der Inhalt entsteht vollständig aus dem Erleben der Patientinnen.
  • Die Arbeit mit inneren Anteilen, insbesondere dem damaligen/kindlichen Ich, dem heutigen Ich und dem Täterbild, die auf einer inneren Bühne interagieren.
  • Eine sehr präzise, nuancenreiche Sprache, die vor allem offene Fragen nutzt und Entwicklungsschritte über vorsichtige Formulierungen ermöglicht.

Studien zeigen, dass IRRT ähnlich wirksam ist wie etablierte Verfahren wie Prolonged Exposure oder EMDR. In Workshops wird das Vorgehen anhand theoretischer Hintergründe, Video-Beispielen und Rollenspielen vermittelt.

Internal Family Systems Therapy

Internal Family Systems (IFS) ist ein therapeutisches Modell, das jeden Menschen als ein System aus schützenden und verletzten inneren Anteilen betrachtet, das von einem Kern-Selbst geleitet wird. Es lehrt, dass der Geist von Natur aus vielfältig ist – und dass diese Vielfalt gesund ist –, denn wie Mitglieder einer Familie können innere Anteile in extreme Rollen gedrängt werden, besitzen aber auch wertvolle, ihnen innewohnende Eigenschaften. IFS hilft Menschen, Zugang zu ihrem unbeschädigten, mitfühlenden Selbst zu finden, das weiß, wie man heilt, und aus dieser inneren Führung heraus zu verstehen und zu transformieren…

KReST™

Die Screentechnik nach dem KReST™-Modell (Körper-, Ressourcen- und Systemorientierte Traumakonfrontation) ist eine von Lutz Besser weiter entwickelte differenzierte und effektive Form der Traumabearbeitung und -integration. Bildschirmtechnik in der Traumatherapie in seiner ursprünglichen Form der distanzierten Betrachtung belastender Lebensereignisse im Sinne einer dosierten Traumaexposition wurde vor vielen Jahren schon von Ulrich Sachsse, Luise Reddemann und Michaela Huber beschrieben.

Im KReST™-Modell der Screentechnik werden hingegen beim Betrachten des „alten Filmes“, also des damaligen jüngeren ICH des Betroffenen, die dabei jetzt auftauchenden Gefühle, Körperreaktionen und Gedanken und Überzeugungen ressourcenorientiert prozessiert, moduliert und damit integriert. Damit stellt die Screentechnik nach dem KReST™-Modell eine systematisierte, ressourcenorientierte und sehr effektive Behandlungsform von Traumafolgestörungen dar. Die übersichtliche Sicherheit und Halt vermittelnde Struktur besteht u. a. im ersten Durchgang der Sitzung in der Anwendung eines systematischen Ablaufschemas, in Anlehnung an das EMDR-Standardprotokoll, mit Einbeziehung von negativen und positiven Kognitionen, Bewertungsskalen und im zweiten Durchgang – der eigentlichen Filmbetrachtung – in der Affektmodulation mit Atemtechniken und körpertherapeutischen sowie hypnotherapeutischen Interventionen. Im Vorfeld dieser ausdifferenzierten „insensu-Traumakonfrontation“ bietet die Screentechnik KReST™ auch eine hervorragende Möglichkeit, Ressourcen im Sinne von Arbeit mit positiven Life-Events zu aktivieren. Gleichzeitig lernt der/die Klient_in dabei die Technik, aus der Beobachterperspektive zurückliegende Ereignisse in der Wahrnehmung zu reaktualisieren und positive Gefühle von Freude, Stolz, Zufriedenheit und Glück – anders als bei der späteren Traumaexposition – lebendig nachzuempfinden.

Kunsttherapie

Die Kunsttherapie ist ein psychotherapeutisches bzw. psychosoziales Verfahren, bei dem kreative Gestaltungsprozesse gezielt zur Förderung von psychischer Gesundheit, emotionaler Verarbeitung und persönlicher Entwicklung eingesetzt werden. Im Zentrum steht nicht das künstlerische Ergebnis, sondern der schöpferische Prozess selbst sowie dessen subjektive Bedeutung für die betreffende Person.

Ein zentrales Merkmal der Kunsttherapie ist der nonverbale Ausdruck: Innere Zustände, Gefühle, Erinnerungen oder Beziehungserfahrungen können symbolisch gestaltet werden, ohne sie zunächst sprachlich fassen zu müssen. Dies macht die Kunsttherapie besonders geeignet für Menschen, denen der verbale Zugang zu inneren Erlebnissen erschwert ist. Die anschließende Reflexion des Gestalteten – sofern gewünscht und hilfreich – kann sowohl verbal als auch bildbezogen erfolgen.

Je nach theoretischer Ausrichtung integrieren kunsttherapeutische Verfahren Elemente aus der Tiefenpsychologie, humanistischen Psychologie, systemischen Ansätzen, neurobiologischen Modellen oder traumatherapeutischen Konzepten.

Kunsttherapie wird in einem breiten Spektrum klinischer, psychosozialer und pädagogischer Kontexte eingesetzt. Dazu zählen unter anderem:

  • Behandlung von psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Traumafolgestörungen und psychosomatischen Beschwerden
  • Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, insbesondere bei Entwicklungs-, Bindungs- und Verhaltensproblemen
  • Unterstützung bei chronischen Erkrankungen, schweren körperlichen Erkrankungen oder in der Palliativversorgung
  • Rehabilitation und psychosoziale Begleitung nach Krisen, Verlusten oder belastenden Lebensereignissen
  • Prävention, Ressourcenstärkung und Persönlichkeitsentwicklung

Insbesondere in der Traumatherapie bietet Kunsttherapie einen schonenden Zugang zu impliziten Erinnerungen und affektiven Zuständen, ohne auf direkte Exposition angewiesen zu sein. Durch das kreative Arbeiten können Selbstwirksamkeit, Affektregulation und innere Stabilität gefördert werden.

LOM

Das Lösungsorientierte Malen (LOM®) ist ein ressourcen- und lösungsfokussierter Ansatz aus dem Bereich der kunst- und traumatherapeutisch orientierten Arbeit. Die Methode basiert auf lösungsorientierten sowie systemischen Denk- und Arbeitsweisen.
LOM® kann im Rahmen stabilisierender Selbsterfahrung eingesetzt werden, wenn Menschen lernen möchten, mit belastenden, als traumatisch erlebten Erfahrungen und deren Auswirkungen bewusster umzugehen. Das können sowohl einmalige, als auch länger anhaltende oder sich wiederholende Situationen gewesen sein.

Der bildgestützte Ansatz kann insbesondere dann hilfreich sein, wenn Worte schwer zugänglich sind, Erinnerungen nur vage oder sprachliche Zugänge als belastend erlebt werden. 

Im Lösungsorientierten Malen wird mit klaren Bildstrukturen und einfachen Metaphern gearbeitet. Im Mittelpunkt stehen dabei Ressourcen, Selbstwahrnehmung und Orientierung. Ein zentrales und wesentliches Merkmal des Lösungsorientierten Malens besteht darin, dass nicht mit dem expressiven Ausdruck eines bestimmten Themas gearbeitet wird, sondern mit der Wahrnehmung und dem Eindruck der neu entstandenen, klaren Bilder.

Die Arbeit mit einer Serie von Bildern kann dazu beitragen, Erinnerungen in einen größeren Zusammenhang einzuordnen und einen bewussteren Umgang mit belastenden Eindrücken zu fördern. Auf diese Weise können vereinzelte oder schwer zugängliche Erinnerungsanteile geordnet werden. Darüber hinaus ermöglicht der Malprozess die Bearbeitung nonverbaler Erinnerungseindrücke, wie Farben, Gerüche oder sensorischer Empfindungen, indem diese in einfache Bildformen überführt werden. Im Malprozess auftretende belastende Emotionen werden durch strukturierte Bildaufgaben aufgegriffen, was neue Perspektiven und Handlungsimpulse unterstützen kann. Der Fokus liegt dabei nicht auf dem Wiedererleben, sondern auf der bewussten Wahrnehmung des gegenwärtigen Erlebens. Ziel ist es, dass Erinnerungen als Teil der eigenen Lebensgeschichte wahrgenommen werden können, ohne das aktuelle Erleben überwältigend zu beeinflussen. 

Das Lösungsorientierte Malen (LOM®) wurde in den 1980er-Jahren in der Schweiz von Bettina Egger und Jörg Merz entwickelt und seither kontinuierlich weiterentwickelt. Die Methode wurde von Beginn an dokumentierend begleitet, unter anderem durch strukturierte Explorationen, Werteskalierungen sowie die Erfassung subjektiv empfundener Belastungen und zugehöriger Kognitionen.

Das Lösungsorientierte Malen LOM® beruht auf der Annahme, dass
• Bilder nicht nur Darstellungen sind, sondern mit emotionalem Erleben verknüpft sein können,
• das Gestalten neuer, als stimmig oder ordnend erlebter Bilder einen veränderten inneren Umgang mit belastenden Erfahrungen unterstützen kann,
• sich dies auf emotionale Zustände, Körperempfindungen und Selbstwahrnehmung auswirken kann.

Mit anderen Worten nutzt LOM® die visuelle Verarbeitung des Gehirns, um innere Prozesse anzuregen.

Musiktherapie

Die Musiktherapie ist ein therapeutisches Verfahren, das Musik gezielt zur Förderung von psychischer, körperlicher und sozialer Gesundheit einsetzt. Ihre Wurzeln reichen bis in die Antike zurück, als die heilende Wirkung von Musik bereits beschrieben wurde. Als eigenständige wissenschaftlich fundierte Therapieform entwickelte sie sich jedoch vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, als Musik bei der Rehabilitation von verletzten Soldaten eingesetzt wurde.

Zu den Schwerpunkten der Musiktherapie gehören die Förderung des emotionalen Ausdrucks, die Verarbeitung belastender Erfahrungen, die Verbesserung von Kommunikation und sozialer Interaktion sowie die Unterstützung von Entspannung und Selbstregulation. Sie wird bei Menschen aller Altersgruppen eingesetzt, unter anderem in der Psychotherapie, Psychiatrie, Neurologie, Pädiatrie und Geriatrie.

In der musiktherapeutischen Arbeit kommen sowohl aktive als auch rezeptive Methoden zum Einsatz. Bei aktiven Verfahren musizieren die Klientinnen und Klienten selbst, beispielsweise mit einfachen Instrumenten, ihrer Stimme oder durch Improvisation. Rezeptive Verfahren nutzen das bewusste Hören von Musik, oft verbunden mit anschließender Reflexion der dabei entstandenen Gefühle, Gedanken und Erinnerungen. Die therapeutische Beziehung und die individuelle Bedeutung musikalischer Erfahrungen stehen dabei im Mittelpunkt.

NARM

Das Neuroaffektive Beziehungsmodell (NARM™) wurde von Laurence Heller entwickelt. Es stellt fünf zentrale Ressourcen in den Mittelpunkt: Kontakt, Bedürfnisse, Vertrauen, Autonomie und Liebe/Sexualität. Sofern diese Ressourcen in Folge von Traumata nicht ausgebildet werden konnten, entwickeln Menschen Überlebensstrategien, um den Mangel zu bewältigen.

NARM unterstützt Klient*innen dabei, mit solchen Anteilen in sich in Kontakt zu kommen, die uneingeschränkt entwickelt wurden. Die Klientin wird eingeladen, im Erwachsenenbewusstsein den eigenen inneren Prozess wahrzunehmen. Hierdurch können abgespaltene und verleugnete Bedürfnisse und Gefühle identifiziert werden und Kontakt damit wird möglich. Gefühle werden in einer NARM-Sitzung nicht kathartisch entladen, sondern es wird die Kapazität entwickelt, diese halten zu können. Meist unbewusste Scham- und Schuldgefühle können wahrgenommen, verstanden und aufgelöst werden. Emotionale Vervollständigung stellt sich ein, wenn der Kontakt zu den zugrundeliegenden Bedürfnissen wieder angstfrei zugelassen werden kann.

NARM ist eine ressourcenorientierte Therapiemethode, basierend auf somatischer (körperlicher) Achtsamkeit, zur Heilung von Beziehungs-, Entwicklungs- und Bindungstraumata. Sie ist geeignet für Jugendliche und Erwachsene und wird auch in der Arbeit mit komplexen Traumafolgestörungen eingesetzt.

NARM Touch baut auf dem NARM-Modell auf und ergänzt den Ansatz durch das Angebot von Berührung. Es ist besonders geeignet für die Arbeit mit frühen Entwicklungstraumata, die mit verbalen Mitteln allein nicht erreicht werden können.

NARM Touch kann sowohl im Rahmen von Psychotherapie als auch im Rahmen von Körpertherapie zur Anwendung kommen.

Narrative Expositionstherapie

Die narrative Expositionstherapie (NET) ist eine Methode die auf der Annahme basiert, dass traumatische Erlebnisse zu einer Störung der persönlichen Geschichte führen können, indem sie eine Bedrohung für das Selbstkonzept des Betroffenen darstellen. Sie wird den kognitiven Verhaltenstherapien zugeordnet. Sie wurde von Maggie Schauer, Frank Neuner und Thomas Elbert an der Universität Konstanz entwickelt. Die NET hat zum Ziel, die traumatischen Erfahrungen in die Lebensgeschichte des Betroffenen zu integrieren, um dadurch die Symptome der Traumafolgestörung zu reduzieren.

In der NET konstruiert die/der Patient:in mit Hilfe der/des Therapeut:in eine chronologische Erzählung ihrer/seiner Lebensgeschichte mit dem Schwerpunkt auf den traumatischen Erfahrungen. Fragmentarische Berichte über die traumatischen Erlebnisse werden in eine kohärente Erzählung umgewandelt. Empathisches Verstehen, aktives Zuhören, Kongruenz und unbedingte positive Wertschätzung sind wichtige Bestandteile des Verhaltens der/des Therapeut:in. Bei traumatischen Belastungserfahrungen fragt die/der Therapeut:in detailliert nach Emotionen, Kognitionen, sensorischen Informationen, physiologischen Reaktionen und erkundigt sich nach entsprechenden Beobachtungen. Die/der Patient wird ermutigt, diese Emotionen beim Erzählen noch einmal zu durchleben, ohne dabei den Bezug zum „Hier und Jetzt“ zu verlieren: Durch ständige Erinnerung daran, dass die Gefühle und physiologischen Reaktionen aus Erinnerungen resultieren, verknüpft die/der Therapeut:in die Erfahrungen mit episodischen Fakten, d. h. Zeit und Ort. Auf diese Weise wird die Aufarbeitung, Bedeutungsgebung und Integration erleichtert.

Die Methode des Erzählens der gesamten Lebensgeschichte verlangt von den Klient:innen nicht, dass sie ein einzelnes traumatisches Ereignis aus ihrer Traumageschichte auswählen. NET ermöglicht die Reflexion über das gesamte Leben der Person als Ganzes und fördert das Gefühl der persönlichen Identität. Die Arbeit durch die Biografie hebt das Erkennen und die Bedeutung von miteinander verbundenen emotionalen Netzwerken aus Erfahrungen hervor und erleichtert die Integration und das Verständnis von Schemata und Verhaltensmustern, die während der Entwicklung entstanden sind. Die Wiedererlangung der Würde des Überlebenden und die Befriedigung des Bedürfnisses nach Anerkennung sowie die ausdrückliche Menschenrechtsorientierung der „Zeugenschaft“ zeichnen den Ansatz aus. Das Verfahren ist einfach und kann von lokalen Therapeut:innen und Berater:innen in ressourcenarmen Kontexten (z. B. nach Krieg und Katastrophen) leicht eingesetzt werden. Darüber hinaus hat sich die Tatsache, dass der Überlebende im Anschluss an die Behandlung eine schriftliche Biografie erhält, als wichtiger Anreiz erwiesen, die Behandlung abzuschließen.

Originalquelle Übersetzung: Alexander Reich

Neurovisuelle Traumatherapie

Neurovisuelle Traumatherapie ist keine neue Methode. Es ist zum einen ein Überbegriff für traumabezogene Methoden, deren Ansatz eine Arbeit „über die Augen“ beinhaltet und hier im Konkreten eine Bezeichnung für eine Fusion zweier Methoden, die sich beide in der Traumatherapie aufgrund ihrer hohen Wirksamkeit bewährt haben, nämlich Brainspotting nach David Grand und EMDR nach Francine Shapiro. Alexander Reich, Leiter der Akademie für integrative Traumatherapie wurde in beiden Methoden umfangreich ausgebildet. Er war mehrere Jahre von David Grand ernannter Brainspotting Trainer und hat sich entschlossen, seine Erfahrungen in einen übergreifenden Ansatz zu integrieren. Die Basis dieses Ansatzes ist weiterhin „Brainspotting nach David Grand“. Das Modell wird aber durch Elemente des EMDR ergänzt. Diese Ergänzung ist nicht beliebig sondern fundiert auf wesentlichen Grundsätzen beider Methoden, die sich hervorragend vereinen lassen. 

Die Neurovisuelle Traumatherapie hat – wie auch das Brainspotting – als primäre Grundlage die Arbeit über die bewusste Blickrichtung. Der Ansatz basiert auf der Erkenntnis, dass unsere Blickrichtung bestimmt, wie stark wir uns emotional und physiologisch mit einem belastenden (oder auch erfreulichen) Thema verbinden. Unverarbeitete, tief im impliziten Gedächtnis verborgene Erfahrungen können über die Augenposition (re-)aktiviert und verarbeitet werden. Der Punkt auf den die Klient:innen bei der Verarbeitung schauen, bewirkt eine entsprechende Aktivierung in den Hirnregionen, in denen das zu verarbeitende Erlebnis gespeichert ist.

Das „nach Aussen schauen“ bewirkt zugleich ein kontrolliertes „nach Innen schauen“. In Achtsamkeit schaut die/der Klient:in auf einen Punkt (meistens ein Teleskopstab, den Therapeut:in im Raum hält) und erlebt gleichzeitig, im Inneren, einen Prozess der Verarbeitung. Das Schauen auf den Stab hilft gerade bei emotional belastenden Themen,  eine innere Distanzierung zum Thema zu erreichen, die verhindert, emotional überflutet zu werden. Es erleichtert das Beobachten der Emotionen, statt mit ihnen zu verschmelzen. Der Stab ist auch ein Anker im Hier & Jetzt, der hilft, Dissoziation zu vermeiden. 

So wie es Blickrichtungen gibt, die uns mit den emotional belastenden Themen verbindet, kann eine entsprechende Blickrichtung uns auch unterstützen, uns mit angenehmen, ressourcenhaften Gefühlen tiefer zu verbinden. Diese Blickrichtung ermöglicht zum einen ein Pausieren von den emotional herausfordernden Themen, zum anderen bietet sie im wahrsten Sinne des Wortes eine andere Perspektive auf das Thema. Einen Blick aus einem ressourcenhafteren Zustand heraus, was die Bereitschaft erhöht, dann auch wieder tiefer in das Thema einzusteigen. 

Dadurch ist die Methode hervorragend geeignet zur Verarbeitung von traumatischen Erfahrungen und hat in diesem Bereich ihr primäres Anwendungsfeld. Sie bietet einen äusserst schonende Verarbeitung belastender Themen.

In Alexander Reichs Ansatz werden zusätzlich bilaterale Elemente aus dem EMDR in die Arbeit mit Brainspots eingesetzt.

PITT nach Luise Reddemann

Die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT) ist ein von Prof. Dr. med. Luise Reddemann entwickeltes Verfahren für die Behandlung schwerster komplexer Traumafolgestörungen, die zurückgehen auf wiederholte, in der Regel multiple Gewalterfahrungen, welche sich über einen langen Zeitraum wichtiger Entwicklungsphasen, Kindheit und Jugend erstrecken und von wichtigen Bezugspersonen, oft den Eltern ausgeübt werden.

Eher regelhaft geht eine emotionale Vernachlässigung und unzureichende Bedürfnisbefriedigung einher, auf der Basis einer massiven Bindungsstörung. Das Kind ist in seiner Entwicklung genötigt, sich diesen widrigen Lebensrealitäten anzupassen, zum Preis einer komplexen Symptomatik.

Der ressourcen- und wachstumsorientierte tiefenpsychologisch fundierte Therapieansatz PITT würdigt grundlegend das, was dem Menschen immer schon geholfen hat, mit schweren Belastungen fertig zu werden und fördert die Entwicklung einer selbstmitfühlenden, zum Trost fähigen, akzeptierenden Haltung in der betroffenen Person, mit dem Ziel von Selbstregulierung und Selbstheilung.

PITT orientiert sich an dem Drei-Phasen-Modell nach Janet: Stabilisierung, Traumakonfrontation sowie Integration und Neuorientierung.
Mithilfe von Distanzierung und der ego-state-orientierten Arbeit auf der inneren Bühne wird die Arbeit mit verletzten und verletzenden Ich-Anteilen möglich, sodass eine gewachsene Affekt- und Selbstregulation im Hier und Jetzt erreicht werden kann.

PITT wird zum Teil noch von Luise Reddemann selbst gelehrt. Aber auch andere Trainier*innen bieten Fortbildungen in dieser Methode an. An der Akademie für integrative Traumatherapie in Berlin findet die Fortbildung unter der Leitung von Martina Hahn statt.

Polyvagal Theorie

Die Polyvagal Theorie ist keine eigenständige traumtherapeutische Methode, sie bildet jedoch die Grundlage für viele derzeit existierende Methoden und liefert für diese das theoretische Fundament. Sie liefert einer Erklärung für die physiologischen Abläufe von Traumatisierung und Traumaheilung. Auf Grund dieser Theorie wurden auch einzelne Techniken entwickelt, die im Rahmen von Therapien eingesetzt werden.

Die Polyvagal-Theorie wurde von Dr. Stephen Porges entwickelt, und erklärt die Funktion des autonomen Nervensystems und dessen Einfluss auf unsere Emotionen und unser Verhalten. Das autonome Nervensystem ist der Teil unseres Nervensystems, der automatisch und unbewusst Körperfunktionen wie Herzschlag, Atmung und Verdauung reguliert. Die Polyvagal-Theorie besagt, dass unsere Reaktionen auf Stressoren davon abhängen, welche Funktion des autonomen Nervensystems gerade aktiviert ist.

Die Polyvagal-Theorie beschreibt, wie das autonome Nervensystem auf verschiedene Stressoren reagiert und wie diese Reaktionen unser emotionales Erleben und Verhalten beeinflussen. Die Theorie unterscheidet dabei drei Hauptfunktionen des autonomen Nervensystems:

  1. Die Sympathikusreaktion: Wenn wir mit einer Bedrohung konfrontiert sind, aktiviert das autonome Nervensystem den Sympathikus, der uns in einen „Kampf- oder Flucht“-Modus versetzt. Das bedeutet, dass unser Körper Adrenalin ausschüttet, um uns auf eine schnelle und energieaufwändige Reaktion vorzubereiten.
  2. Die ventrale Vagusreaktion: Der ventrale Vagusnerv ist ein Teil des Parasympathikus, der unter anderem für unsere sozialen Fähigkeiten und unsere Fähigkeit zur Entspannung und Regeneration verantwortlich ist. Wenn wir uns sicher und mit anderen verbunden fühlen, wird der ventrale Vagus aktiviert, und geht in den „Sicherheitsmodus“, der es uns ermöglicht, zu entspannen und uns zu erholen.
  3. Die dorsale Vagusreaktion: Wenn in einer Bedrohungssituation kein Entkommen mehr möglich ist, und das Nervensystem mit starken Schmerzen oder sogar möglichem Tod rechnet, kommt es zu einer hypotonischen Immobilität (Kollaps) und möglicherweise Dissoziation.

Die Differenzierung zwischen ventraler und dorsaler Reaktion ist ein zentraler Aspekt der Polyvagaltheorie.

Die Polyvagal-Theorie hilft zu verstehen, warum wir uns in bestimmten Situationen auf bestimmte Weise verhalten und wie wir unsere Reaktionen auf Stressoren verbessern können, um uns sicherer, entspannter und sozial verbundener zu fühlen.

Prozessorientierte Psychologie (nach Arnold Mindell)

Prozessarbeit ist eine innovative Methode, die Einzelpersonen, Beziehungen und Gruppen unterstützt, Konflikte zu bewältigen, die Kommunikation zu verbessern und Selbstwirk-samkeit zu stärken.

Entwickelt von Dr. Arnold Mindell, integriert sie Jung’sche Psychologie, Körperarbeit und systemisches Denken, um nachhaltige Veränderungen zu ermöglichen.

Rest and Restore Protocol (RRP)

Das Rest and Restore Protocol™ (RRP) ist eine innovative, klinisch entwickelte Hörintervention zur Unterstützung von Erholung und Regeneration des Nervensystems. Es wurde von Dr. Stephen Porges und Anthony Gorry auf Basis der Polyvagal-Theorie entwickelt und richtet sich an Menschen, deren Nervensystem über längere Zeit in Zuständen von Alarm, Übererregung oder Rückzug festgehangen hat. Häufige Auslöser sind Trauma, chronischer Stress, anhaltende Überforderung oder körperliche Erschöpfungszustände.

Im Zentrum des RRP steht speziell entwickelte, therapeutische Musik, die über Kopfhörer gehört wird. Diese Musik wirkt nicht über bewusste Entspannung oder Konzentration, sondern spricht sehr frühe, unwillkürliche Steuerungsebenen des autonomen Nervensystems an. Entsprechend der Polyvagal-Theorie werden über den Hörsinn Signale von Sicherheit vermittelt, die regulierend auf tief liegende Stress- und Schutzreaktionen wirken. Ziel ist es, mentale und körperliche Funktionen zu beruhigen und die Voraussetzungen für echte Erholung wiederherzustellen.

Ein zentrales Merkmal des RRP ist seine Sanftheit. Die Anwendung erfolgt in kurzen, klar strukturierten Einheiten und wird individuell dosiert. Viele Menschen erleben das Protokoll als stabilisierend, spannungslösend oder schlaffördernd. Besonders bei ausgeprägter Erschöpfung, hoher innerer Aktivierung oder nach längeren Belastungsphasen kann RRP helfen, das Nervensystem aus einem Zustand dauerhafter Alarmbereitschaft herauszuführen.

RRP ist keine Traumakonfrontation und ersetzt keine Psychotherapie. Es kann jedoch eine wichtige vorbereitende oder begleitende Rolle einnehmen, indem es die körperliche Regulationsfähigkeit verbessert. Ein Nervensystem, das wieder zur Ruhe kommen kann, schafft häufig erst die Grundlage dafür, dass weiterführende traumatherapeutische Verfahren wirksam und gut verträglich eingesetzt werden können.

Safe and Sound Protocol (SSP)

Das Safe and Sound Protocol (SSP) ist ein neurobiologisch fundierter, körperorientierter Ansatz zur Unterstützung der Selbstregulation des Nervensystems. Es wurde von Dr. Stephen Porges auf Basis der Polyvagal-Theorie entwickelt und richtet sich an Menschen, deren Nervensystem dauerhaft in Alarm- oder Rückzugszuständen festhängt. Typische Anwendungsfelder sind Trauma-Folgen, Angst, chronischer Stress, sensorische Überempfindlichkeit oder Schwierigkeiten in Kontakt und Beziehung.

Kern des SSP ist speziell gefilterte Musik, die über Kopfhörer gehört wird. Diese Musik ist so gestaltet, dass sie die Verarbeitung menschlicher Stimmfrequenzen im Gehirn gezielt unterstützt. Über diesen auditiven Zugang werden unbewusste Sicherheits- und Verbundenheitssignale an das autonome Nervensystem vermittelt. Ziel ist es, das sogenannte „soziale Engagement-System „zu aktivieren – also jene neurobiologischen Voraussetzungen, die Ruhe, soziale Offenheit und flexible Reaktionen ermöglichen.

Das SSP wird schrittweise und begleitet durchgeführt. Die Dauer und Intensität werden individuell angepasst, um Überforderung zu vermeiden. Während der Anwendung können körperliche, emotionale oder vegetative Reaktionen auftreten, die als Zeichen einer Umorganisation im Nervensystem verstanden werden. Viele Menschen berichten im Verlauf über verbesserte Stresstoleranz, mehr innere Ruhe, besseren Schlaf oder eine größere emotionale Zugänglichkeit.

SSP ist keine Gesprächs- oder Traumakonfrontationstherapie. Es versteht sich als vorbereitender oder begleitender Ansatz, der die physiologische Grundlage für weitere therapeutische Arbeit verbessert. Indem das Nervensystem Sicherheit wiedererlernt, können andere traumatherapeutische Verfahren oft erst wirksam und gut verträglich eingesetzt werden.

Somatic Experiencing

Somatic Experiencing (SE) ist eine Traumatherapiemethode, die von dem US-amerikanischen Psychologen Peter Levine entwickelt wurde. SE basiert auf der Annahme, dass traumatische Erfahrungen im Körper gespeichert werden und dass eine gezielte Arbeit mit dem Körper helfen kann, die Folgen von Traumata zu bewältigen.

Die Methode nutzt dabei gezielte Körperwahrnehmungsübungen und achtsame Selbstbeobachtung, um traumatische Erlebnisse im Körper zu erkennen und zu regulieren. Ziel ist es, die natürlichen Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren und eine Entlastung von traumatischen Erfahrungen zu ermöglichen.

Im Rahmen einer Somatic Experiencing-Sitzung wird der Klient dazu angeleitet, seine Körperwahrnehmungen und Empfindungen zu beobachten und zu beschreiben. Der Therapeut unterstützt den Klienten dabei, den Körperprozess zu verlangsamen und auf eine natürliche Weise die Traumaenergie auszuschütteln.

Somatic Experiencing ist eine ressourcenorientierte und körperzentrierte Therapie, die als Ergänzung zu anderen Therapiemethoden wie der Kognitiven Verhaltenstherapie oder der Psychoanalyse eingesetzt werden kann, sie wird aber auch – vor allem in der Traumatherapie – als alleinstehende Methode angewandt. Somatic Experiencing ist für Erwachsene und Kinder geeignet und wird auch in der Arbeit mit komplexen Traumafolgestörungen eingesetzt.

SomatoSensible Psychodynamik

SomatoSensible Psychodynamik (SSP) vereint die Erkenntnisse moderner Körperpsychotherapie mit der klassischen Psychodynamik. Im Zentrum steht die bewusste Wahrnehmung von Körperempfindungen – als Brücke zu Emotionen, alten Mustern und verborgenen Ressourcen. Der Körper wird hierbei als „Türöffner“ für tieferliegende Aspekte genutzt. Es entstehen oft neue Zusammenhänge zwischen Empfindungen, Emotionen und persönlicher Lebensgeschichte.

Die erlebensorientierte, nicht wertende Begleitung unterstützt Sie darin, Körpersignale zu verstehen und als wertvolle Hinweise auf innere Prozesse zu nutzen – ohne Zwang zu schnellen Lösungen. Durch achtsames Spüren und reflektiertes Verarbeiten können sich festgefahrene Muster auflösen. Die 
Selbstregulation wird gestärkt und durch die Integration von Körper und Psyche kann die emotionale Resilienz wachsen.

Ein zentrales Element der SomatoSensiblen Psychodynamik ist Berührung. Im SSP wird die therapeutische Wirkung achtsamer, einfühlsamer Berührung genutzt, um den Zugang zu tiefen, oft unbewussten Emotionen und Erinnerungen zu ermöglichen. Diese Berührungen können helfen, körperliche und seelische Blockaden zu lösen, Selbstwahrnehmung zu fördern und einen Raum für Heilung und Vertrauen zu schaffen. Die Integration von Berührung macht es möglich, alte Schutzmechanismen behutsam aufzulösen und neue Erfahrungen von Sicherheit und Verbundenheit zu erleben.

Sensomotorische Psychotherapie (SP)

Sensorimotor Psychotherapy

Die sensomotorische Psychotherapie ist ein körperorientierter Ansatz für die Behandlung von Trauma- und Bindungsstörungfolgen. Sie geht davon aus, dass der Körper wichtige Hinweise darauf gibt, welche Ressourcen verfügbar sind und wie belastende oder traumatische Erfahrungen zugänglich und verarbeitet werden können. Der Ansatz verbindet körperliche Wahrnehmungen, Emotionen und Gedanken in einem integrierten therapeutischen Prozess.

Klient*innen lernen dabei, automatische körperliche und psychische Reaktionsmuster zu erkennen und zu verändern, die ihr Wohlbefinden einschränken. Die Methode eignet sich besonders, um mit Über- oder Untererregung des Nervensystems sowie mit hinderlichen Überzeugungen umzugehen, die aus frühen Beziehungserfahrungen stammen.

Zugleich unterstützt die sensomotorische Psychotherapie dabei, vorhandene Fähigkeiten und innere Ressourcen zu stärken und neue Handlungsspielräume zu entwickeln – so entsteht Raum für nachhaltige Veränderung und persönliches Wachstum.

Traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie

Die traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie (TF-CBT) ist eine Form der Psychotherapie, die auf verhaltenstherapeutischen Ansätzen basiert. Sie fundiert auf der Annahme, dass traumatische Ereignisse zu bestimmten Verhaltensweisen und Überzeugungen führen können, die negative Auswirkungen auf das Leben des Betroffenen haben können.

Die TF-CBT besteht aus einer Kombination von verschiedenen therapeutischen Techniken, die darauf abzielen, die traumatische Erfahrung der betroffenen Person zu verarbeiten, die Symptome, die damit verbunden sind, zu lindern und die Widerstandsfähigkeit zu erhöhen. Die Behandlung umfasst in der Regel 12 bis 20 Sitzungen, die wöchentlich oder alle zwei Wochen stattfinden.

Zu den spezifischen Techniken der TF-CBT gehören unter anderem:

  1. Psychoedukation: Die betroffene Person erhält Informationen über Traumata und deren Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden.
  2. Entspannungsübungen: Die/der Klient:in lernt, Entspannungsübungen wie beispielsweise progressive Muskelentspannung oder tiefes Atmen anzuwenden, um mit Angstzuständen umzugehen.
  3. Exposition: Die/Der Betroffene wird schrittweise an die traumatische Erfahrung erinnert, um die Angstreaktionen zu verringern und die Verarbeitung der Erfahrung zu unterstützen.
  4. Kognitive Umstrukturierung: Die/der Klient:in lernt, negative Gedanken und Überzeugungen über sich selbst und die Welt zu identifizieren und durch positive und realistische Gedanken und Überzeugungen zu ersetzen.
  5. Skills-Training: Die Person wird darin unterstützt, Fähigkeiten zu entwickeln, um besser mit Stress und belastenden Ereignissen umgehen zu können.

Die TF-CBT ist eine evidenzbasierte Methode, die in vielen Studien als wirksam bei der Behandlung von Traumatisierten gezeigt wurde. Sie kann auch in Kombination mit anderen Therapiemethoden eingesetzt werden, um die bestmögliche Unterstützung zu bieten.

Traumasensitives Yoga

Traumasensitives Yoga ist eine Therapieform, die speziell für Menschen mit Traumaerfahrungen entwickelt wurde. Die Methode verbindet Elemente aus der Yogapraxis mit Techniken aus der Traumatherapie, um den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zu helfen, eine bessere Selbstwahrnehmung zu erlangen, das Nervensystem zu regulieren und eine Stabilisierung zu erreichen.

Die Praxis von traumasensitivem Yoga ist darauf ausgerichtet, ein sicheres Umfeld für die Teilnehmenden zu schaffen, um ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle zu vermitteln. Dies wird durch klare Anweisungen, eine unterstützende Atmosphäre und eine bewusste Auswahl von Yogaübungen erreicht, die auf die Bedürfnisse von traumatisierten Menschen abgestimmt sind.

In einer Traumasensitives Yoga-Sitzung wird der Fokus auf die körperliche Wahrnehmung gerichtet, um die Verbindung zwischen Körper und Geist zu stärken. Die Übungen konzentrieren sich auf die Atmung, die Aufmerksamkeit auf bestimmte Körperteile und das schrittweise Erweitern von Körperbewegungen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden dabei angeleitet, jederzeit selbst zu entscheiden, welche Übungen sie ausführen möchten und welche sie auslassen.

Traumasensitives Yoga ist eine ergänzende Methode zur Traumatherapie, die in Kombination mit anderen Therapieformen wie z.B. Somatic Experiencing oder Kognitiver Verhaltenstherapie eingesetzt werden kann. Es ist ein körperzentrierter Ansatz, der dazu beitragen kann, das Nervensystem zu regulieren und den Betroffenen zu helfen, ein Gefühl von Sicherheit und Kontrolle zurückzugewinnen.

TRE

TRE® steht für Tension and Trauma Releasing Exercises, zu Deutsch „Übungen zur Lösung von Spannungen und Traumata“. Es handelt sich dabei um eine Methode zur Selbstregulierung von Stressreaktionen und zur Befreiung von Traumata, die von Dr. David Bercelli entwickelt wurde. Zuweilen wird dieser Ansatz auch „neurogenes Zittern“ genannt.

Die Methode basiert auf der Idee, dass unser Körper durch traumatische Ereignisse und anhaltenden Stress eine hohe Spannung aufbaut, die sich in bestimmten Muskelgruppen manifestiert. Durch gezielte Übungen soll der Körper dabei unterstützt werden, diese Spannungen zu lösen und somit das autonome Nervensystem zu regulieren.

Die TRE-Übungen umfassen eine Reihe von einfachen körperlichen Bewegungen und Positionen, die darauf abzielen, Zittern und Vibrieren im Körper zu fördern. Diese natürliche Reaktion des Körpers soll dabei helfen, Spannungen und Blockaden im Körper zu lösen und somit zu einer tieferen Entspannung und Regulierung des Nervensystems beitragen.

TRE wird oft als Ergänzung zu anderen Therapiemethoden verwendet, um bei Stress- und Traumabetroffenen einen tieferen Zugang zu körperlichen Empfindungen und inneren Ressourcen zu schaffen. TRE wird leider oft auch online in Gruppen angeboten. Hierbei ist zu bedenken, dass diese Übungen sehr starke und bei Traumatisierten eventuell alleine nicht kontrollierbare Emotionen hervor rufen können. Mache die Übungen lieber (zunächst?) in Präsenz-Begleitung eines erfahrenen TRE Anwenders. Wenn Du so erste Erfahrungen gesammelt hast und merkst, dass die Übungen Dir gut tun, kannst Du sie auch zu Hause ausüben. Es gibt zB auf YouTube diverse Videos in denen die Übungen gezeigt werden.

TRIMB

TRIMB nutzt Imagination, Atmung und eine lateralisierende Kopfbewegung, um Trigger und Traumamaterial auf behutsame Weise zu prozessieren und dadurch zu entschärfen.

Die Methode führt dabei nicht tiefer in das Traumaerleben hinein, stattdessen wird dieses nach vorsichtiger Tuchfühlung rasch und lösungsorientiert „entgiftet“.
Oft ist die Entlastung so tiefgreifend, dass sich danach eine klassische Trauma-Konfrontation erübrigt.

TRIMB kann aufgrund des behutsamen Ansatzes gut bei komplex traumatisierten Klient:*nnen und oft bereits in der Stabilisierungsphase eingesetzt werden.

Hierdurch schließt sich eine Lücke für Klient*innen, die nicht stabil genug sind (oder werden können) für eine klassische und durchaus belastende Trauma-Rekonstruktion, die jedoch mit alleinigen Stabilisierungsmethoden nicht mehr voran kommen.

In der konkreten Arbeit geht es darum, die zu einem (traumatisch) aufgeladenen Hotspot gehörenden Gefühle zu erkennen, diese zu bearbeiten und zu transformieren, bzw. ungute Verstrickungen in Beziehungen zu lösen.

Die Bindungen und Gefühle werden dafür visualisiert und dann imaginativ und mit Hilfe einer speziellen Atem-Technik sowie mit Hilfe einer lateralisierenden Kopfbewegung durchtrennt.

Angemessene – und daher benötigte – oder sinnvolle Gefühle werden hingegen nicht aufgelöst.

Durch diesen Prozess, wird es möglich, sich von belastenden Erfahrungen aus der Biographie frei zu machen und wieder mehr Entwicklungspotenzial zur Gestaltung des Hier und Jetzt zur Verfügung zu haben.

Im Rahmen dieser behutsamen Trauma-Integration werden Selbststeuerung und Selbstwirksamkeitserleben der Klient*innen sichtlich verbessert. Dazu auch trägt auch bei, dass die Methode selbst in ihrem Ablauf kreative und aktive Schritte von Seiten der Klient*in beinhaltet, durch die deren Handlungsfähigkeit und Autonomie gefördert werden.

Zudem werden sowohl Klient*in als auch Therapeut*in weniger stark durch das detaillierte Betrachten und Schildern von Traumamaterial belastet.

Nicht zuletzt kann TRIMB zur eigenen Psychohygiene der Psychotherapeut*innen genutzt werden, wodurch Freude und Erfüllung an der Arbeit erhalten bleiben oder immer wieder hergestellt werden können.

Natürlich ist auch die TRIMB-Methode kein Wundermittel, sondern ein Baustein innerhalb der Traumatherapie und setzt sorgfältige Diagnostik und traumatherapeutische Kenntnisse voraus. Insbesondere stabilisierende Imaginations- und Distanzierungsübungen, Hilfe zur Affektkontrolle und Dissoziationsstopp-Techniken sind als Grundlage wesentlich.

Die TRIMB-Methode wird, wie andere Prozess-Methoden auch, in die Phasen der Traumatherapie (Stabilisierung – Exposition – Integration) eingebettet.

TRIMB wird in Deutschland zur Zeit ausschließlich von Ellen Spangenberg gelehrt. Auf ihrer Seite finden sich weitere Informationen zur Methode.

In Berlin finden Ihre Seminare an der Akademie für integrative Traumatherapie statt.