Ich freue mich eigentlich sehr, dass das Thema Trauma immer mehr Öffentlichkeit bekommt, denn es ist ein wichtiges Thema, über das aufgeklärt werden sollte. Leider gibt es auch Schattenseiten an der Popularität des Themas. Eines davon sind (manche) Traumainfluencer:innen, die Profit aus dem Thema schlagen. Oft nutzen solche Personen einen stark verwässertem Traumabegriff, der dazu führt, dass irgendwie alle traumatisiert sind. Besonders unangenehm sticht hier für mich ein Name hervor: Der Diplom Informatiker und selbsternannte Heiler „Gopal Norbert Klein“.
Da mich immer mal wieder Klient:innen auf ihn ansprechen, habe ich mir die Mühen gemacht, ihm ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu geben und zu hören und lesen, was er zu sagen hat. Das ist gar nicht leicht, denn Herr Klein hat Unmengen von Videos und Interviews produziert, betreibt mehrere Internetseiten, führte Interviews in diversen Podcasts und YouTube Kanälen, betreibt einen Telegram Kanal etc. Ich muss mich daher in meiner Recherche auf die Aussagen beschränken, für die ich die Zeit gefunden habe und nach einer Weile hatte ich ehrlich gesagt auch keine Lust mehr, ihm zuzuhören. Er sagt zwar auch vieles Richtiges zum Thema Trauma und doch sind seine Aussagen in Gänze mehr als problematisch.
Bevor ich auf meine traumaspezifische Kritik zu Gopal Norbert Klein komme, möchte ich jedoch den Kontext noch ein wenig erweitern. Auch hier beschränke ich mich auf die Punkte, die ich in meiner kurzen Recherche gefunden habe und die Vermutung ist naheliegend, dass sich hier noch mehr Abgründe auftun könnten:
- Relativierung der Gräueltaten im Dritten Reich auf Telegram (August 2021) – so deutlich, dass sein eigener Verlag ein distanzierendes Statement herausgeben musste und ein Buchvorhaben vorübergehend stoppte
- Werbung für diverse Rechte und rechtsextreme Personen auf Telegram, wie z.B. Reichsbürger Peter Fitzek, Ignaz Beath (ehem. Mitglied der rechtsextremen Partei national orientierter Schweizer (PNOS)) und viele weitere Personen des rechten Spektrums.
- Sein politisches „Aufwachen“ würde er Manfred Petritsch verdanken. Einem Verschwörungstheoretiker, der skurrilste Thesen verbreitet.
- Interview mit Ricardo Leppe („Wissen schafft Freiheit“) – ein Kanal, der klar im rechtspopulistischen bis rechten Spektrum agiert
- Interview mit Benedikt Zeitner, einem Vertreter der Germanischen Neuen Medizin – einer „Methode“ deren Ansatz fragwürdig bis hoch gefährlich ist. Mehr dazu in diesem äusserst hörenswerten Podcast.
- Auftritt bei Apolut (2024 mit Rüdiger Lenz) – ebenfalls ein Format mit publizistischer Nähe zu rechten und esoterisch-rechten Positionen
Quelle für alle obigen Angaben: www.psiram.com
Nun könnte man argumentieren, dass seine politische Haltung ja nicht notwendigerweise mit einem Mangel an traumspezifischem Fachwissen einher gehen muss. Doch Herr Klein ist nicht nur in politisch fragwürdigen Kreisen unterwegs, er stellt auch wissenschaftlichen Konsens in Frage. So zum Beispiel den menschengemachten Klimawandel.
Über sein Frauenbild möge sich jede(r) selbst eine Meinung bilden:

Nun sagt Herr Klein von sich er sei „einer der renommiertesten Traumatherapeuten im deutschsprachigem Raum“. Nun, immerhin ist er transparent, was seine Ausbildungen angeht. Er benennt auf seiner Seite korrekt, dass er kein Arzt und kein Psychotherapeut ist. Er behauptet, dass er auch keine Psychotherapie ausüben würde, sondern ausschliesslich Lebensberatung. Diese Aussage ist bereits grenzwertig. In seiner Vita gibt er folgende Qualifikationen an:
Heilpraktiker für Psychotherapie (ca. 150 Stunden), Tibetan Pulsing (ca. 400 Stunden), Hatha Yoga (ca. 16 Stunden), Energetic Breathing® (ca. 160 Stunden), TRE® (ca. 80 Stunden), SSP (ca. 4 Stunden online), NARM® (ca. 117 Stunden), OOBE mit Hemi-Sync® (19 Stunden online/astral)).
Hinzu gesellen sich allerlei esoterisch-spirituelle Kurse, wie z.B. ein Telepathie-Training. Die Liste der esoterischen Seminare ist deutlich länger als die seiner Psychotherapie- und Traumaspezifischen Fortbildungen. Mittlerweile würde Herr Klein auch Traumatherapeuten ausbilden. Was auch immer ihn dafür qualifiziert.
Ich vergleiche seinen Qualifikationshintergrund mal mit Psychologischen Psychotherapeut:innen. Diese haben (nach dem alten Modell) ein mehrjähriges Psychologie Studium hinter sich gebracht, dann eine mehrjährige Psychotherapie Ausbildung absolviert (je nach Verfahren zwischen 600 und 1000 Stunden Theorie sowie ca. 1600 bis 2500 Stunden praktische Erfahrung bis zur Zulassung). Erst danach würde sich eine traumaspezifische Qualifikation anschliessen. Hierzu absolviert man dann zusätzlich zu allem oben erwähntem ein traumaspezifisches Curriculum. In der Regel eine einjährige Fortbildung.
Keine:e gesetzlich anerkannte/r Psychotherapeut:in ist einfach nur Traumatherapeut:in und das hat gute Gründe. In der Regel kommt niemand in eine psychotherapeutische Praxis und hat „nur“ Trauma, sondern die Menschen kommen mit einer Biografie und mit allem, was das Leben an Herausforderungen noch so mit sich gebracht hat und für das sie sich ebenfalls in psychotherapeutische Hände begeben haben. Für all diese Themen braucht es ein in einer Theorie fundiertes Modell und eine Umsetzung des Modells, wie in allen psychotherapeutischen Methoden vorgesehen. Nun habe ich grundsätzlich keine Probleme, mit den sogenannten Heilpraktiker:innen für Psychotherapie – wenn sie denn fundiert ausgebildet sind. Fundiert hiesse in diesem Fall: ein anerkanntes psychotherapeutisches Grundverfahren, welches durch eine traumaspezifische Fortbildung ergänzt wird. Diese Bedingungen sehe ich in Herrn Kleins Fall in keinster Weise erfüllt.
Das wiederum bringt mich zum nächsten und gewichtigsten Punkt meiner Kritik. Herr Klein arbeitet mit einer extrem verwässerten Definition von Trauma. Er stellt, ohne diese Aussage zu begründen, die These auf, dass „….wir alle als Gesellschaft unter massiven Bindungs- und Entwicklungstraumata leiden„…. Sowohl in der „Summe der Individuen als auch als Gesellschaft im Kollektiv…„. Zudem sagt er, dass „…alle Probleme, die wir in der Gesellschaft haben, auf diese Form von Bindungstrauma zurückzuführen ist.„, um dann zugleich den Begriff zu verwässern und zu sagen „…egal mit was jemand kommt, es lässt sich immer auf ungelöste Bindungskonflikte in der Kindheit zurückführen…“.
Bindungskonflikte und Bindungstraumata gleichzusetzen, wäre in etwa Vergleichbar als würde ein Politiker einen Konflikt mit einem anderen Land mit einem Krieg gleichsetzen.
Noch klarer wird seine Verwässerung durch diese Aussage: „…aus meiner Sicht ist die Ursache des Leidens fehlender Kontakt durch fehlende Kommunikation. Das ist Bindungs- und Entwicklungstrauma.“ …und… „Alles was wir sehen im Außen, in der Gesellschaft, ist Traumakompensation, mit ganz ganz wenigen Ausnahmen…“. Laut Herrn Klein, leiden wir also nahezu alle an schweren Bindungs- und Entwicklungstraumatisierungen.
Warum diese Aussage keinerlei Sinn macht:
Ein kurzer Exkurs ins Thema Bindung
Die Bindungstheorie, die aus der Bindungsforschung entstand, unterteilt uns Menschen aufgrund unserer frühen gemachten Bindungserfahrungen in verschiedene Bindungstypen. Hierbei wird zwischen 4 Bindungstypen unterschieden:
- Sichere Bindung
- Unsicher-vermeidende Bindung
- Unsicher-ambivalente Bindung
- Unsicher-desorganisierte Bindung
Die 3 unsicheren Typen sind Personen, die bestimmte Anpassungsmuster auf herausfordernde Bindungserfahrungen entwickelt haben. Die frühkindlichen Erfahrungen des unsicher-desorganisierten Typs werden oft -aber nicht immer- solche sein, die man als Traumatisierung bezeichnen würde. Die sichere Bindung liegt mit einer Häufigkeit von 60–70 %, unsicher-vermeidende und unsicher ambivalente Bindung bei je 10-15%. Der unsicher-desorganisierte Typ ist mit 5-10% in der Bevölkerung vertreten. Der weitaus größte Teil der Bevölkerung gilt also als sicher gebunden und ist weit entfernt von einer Bindungs- oder Entwicklungstraumatisierung, von der Herr Klein behauptet, dass wir nahezu alle unter dieser leiden würden. Selbst wenn man alle unsicheren Typen unter „Bindungstrauma“ subsumieren würde (was ein grober Fehler wäre), wäre noch immer der weitaus größte Teil der Bevölkerung nicht Bindungstraumatisiert. Warum Herr Klein das anderes sieht? Nun, dass nenne ich „Zielgruppenerweiterung“. Wenn wir nahezu alle traumatisiert sind, dann sind wir nahezu alle potentiell Klient:innen von Herrn Klein.
Eine Bindungstraumatisierung definiert sich durch äusserst schwere Erfahrungen in der Kindheit. Diese sind wahlweise makrotraumatisch, also jeweils sehr schwere Ereignisse oder aber mikrotraumatisch kumulativ. Dies wären zum Beispiel über einen langen Zeitraum andauernde Entwertungen und Überforderungen, lang andauernde Situationen, der fehlenden emotionalen und körperlichen Geborgenheit und des Alleinseins. Hierzu zählen auch emotionaler und Mißbrauch und Vernachlässigung oder vielfältige Trennungs- und Verlusterfahrungen. Es geht hier wirklich um schwere Fälle von Vernachlässigung der grundlegenden Bedürfnisse von Kindern.
Ich betone es erneut: Bindungskonflikte sind keine Bindungstraumatisierungen!
Warum ist diese Unterscheidung so wichtig? Weil Bindungskonflikte das klassische Metier einer Psychotherapie sind. Sie sind jedoch keine Traumatisierungen. Traumatisierung bedarf einen anderen Ansatz als klassische Psychotherapie. Herr Klein benennt sogar die Unterschiede. Er betont, dass Trauma eine Nervensystem-Regulationsstörung ist. Diese Aussage ist korrekt und genau das ist der Punkt, warum in der Traumatherapie Ansätze vorherrschen, die auf Nervensystemregulation basieren. Und dann wirft er doch wieder alles in einen Topf und behauptet, dass normale Konflikte, die jeder Mensch in der Kindheit erlebt, Traumata seien. Diese normalen Konflikte einer jeden Biografie sind jedoch weder Traumatisierungen, noch führen sie zu einer Regulationsstörung des Nervensystems. Sie sind einfach Teil einer jeden Biografie, die – wenn belastend – auch in einer Psychotherapie aufgearbeitet werden können. Hierzu braucht es jedoch kein traumaspezifisches Verfahren.
Apropos traumaspezifische Verfahren: Im „Bio 360 Grad“-Podcast wird Herr Klein nach weiteren Verfahren gefragt, unter anderem, nach EMDR. Seine Antwort macht mich fassungslos. Er sagt, er wird sich in seiner Antwort auf die erwiesenermaßen wirksamen Verfahren beschränken und lässt ausgerechnet EMDR explizit aus. Dabei ist dies eine der wenigen Methoden, die auf einer soliden Studienlage basiert und genau deswegen mittlerweile von den Krankenkassen bezahlt wird.
Komplexes Thema – einfache Lösung?
Herr Klein stellt zutreffend fest, dass es viel zu wenig (traumaspezifisch) ausgebildete Psychotherapeut:innen gibt. Selbst ohne Herrn Kleins verwässerten Traumabegriffs ist diese Aussage korrekt. Und für dieses Dilemma bietet er nun eine vermeintliche Lösung: Das „ehrliche Mitteilen“.
Von Bindungs- und Entwicklungstrauma betroffene Personen sollen sich in Selbsthilfe-Gruppen treffen und sich dann innerhalb eines von Herrn Klein entwickeltem Regelwerks einander ehrlich mitteilen. Das war es auch schon und das sei die Lösung für all uns Bindungstraumatisierte Menschen. Er sagt, dieser Ansatz sei ihm gekommen als Lösung für das Problem, dass es viel zu wenig Therapeut:innen gäbe, für all die traumatisierten Menschen. Ein Setting, in dem es gar keine Therapeut:innen mehr braucht. Nur noch die Regeln der Kommunikation, die er erarbeitet hat.
Warum erscheinen so viele Menschen dennoch von seinem Ansatz begeistert zu sein? Nun, er bietet Menschen ein Setting, welches in unserer Gesellschaft nicht mehr üblich ist. Ein Rahmen, in dem Personen sich ehrlich und offen mitteilen können und sollen. Ein Rahmen, in dem auch negative Gefühle ihren Raum bekommen und dies vom Gegenüber ohne Bewertung „empfangen“ werden. Ich war nie Teilnehmer bei einer seiner Gruppen, ich kann aber nachvollziehen, dass dieses Setting (wenn achtsam durchgeführt) durchaus einen positiven Benefit hat. Aber: Wie oben dargelegt sind die Teilnehmenden eben in der Regel vermutlich keine Bindungs- und Entwicklungstraumatisierten Personen, sondern schlichtweg Menschen mit ganz normalen Konflikten, die nahezu jede Biografie so mit sich bringt. Ich freue mich für jede Person, die im ehrlichen Mitteilen für sich einen Weg gefunden hat und bin mir sicher, dass dieses Setting für viele ein angenehmes ist.
Personen mit schweren Bindungs- und Entwicklungstraumata (die ja laut Herrn Klein seine eigentliche Zielgruppe sind) sollten meiner Meinung nach äusserst vorsichtig prüfen, ob dieser Rahmen für sie wirklich sicher erscheint. Es sind selbstorganisierte Gruppen, in denen in der Regel keine psychotherapeutisch geschulte Person anwesend ist und auch wenn Herr Klein Regeln für diese Gruppen definiert hat, kann nicht garantiert werden, dass diese eingehalten werden. Eine Erfahrung von positivem Miteinander ist sicherlich eine Erfahrung von der alle Menschen profitieren. Bindungs- und Entwicklungstrauma ist jedoch ein weitaus komplexeres Feld, in dem positive Bindungserfahrungen nur ein (wenn auch nicht unwesentliches) Element auf dem herausfordernden Heilungsweg sind.
Zu behaupten, dies sei der mehr oder weniger direkte Weg in die Heilung, halte ich für mehr als fahrlässig. Personen mit Bindungs- und Entwicklungstrauma erleben soziale Situationen oft als äusserst herausfordernd. Ob in diesem Rahmen aufgefangen werden kann, wenn eine stark traumatisierte Person in emotional bedrohliche Zustände gerät, möchte ich doch sehr bezweifeln.