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Polyvagaltheorie: unhaltbar?

Ein Diskurs zwischen 39 Expert:innen und Stephen Porges

Worum geht es?

Die Polyvagaltheorie (PVT) wird in Traumatherapie, Körpertherapie und weiteren Feldern in den letzten Jahren vielfältig erwähnt und hat vielerlei Ansätze hervorgebracht, die sich auf diese Theorie berufen. Viele Menschen kennen Begriffe wie „ventraler Vagus“, „Fight or Flight“ oder „dorsaler Shutdown“. Das Modell der PVT hilft, innere Zustände verständlich zu machen – etwa warum wir uns manchmal verbunden und sicher fühlen und in anderen Momenten wie abgeschaltet oder eingefroren, aber es scheint nicht auf korrekten neurophysiologischen Annahmen zu basieren.

Im Februar 2026 erschien in der Fachzeitschrift Clinical Neuropsychiatry eine umfangreiche Kritik: 39 international anerkannte Expert:innen aus der Neurophysiologie und Evolutionsforschung argumentierten, dass zentrale biologische Annahmen der Polyvagaltheorie wissenschaftlich nicht haltbar seien. Stephen Porges, der Begründer der Theorie, veröffentlichte im selben Heft eine ausführliche Antwort.

Was bemängeln die Expert:innen?

1. Herzratenvariabilität misst nicht direkt den „Vaguszustand“

Ein zentraler Punkt der Kritik betrifft die sogenannte respiratorische Sinusarrhythmie (RSA), eine Form der Herzratenvariabilität. In vielen Darstellungen der Polyvagaltheorie wird sie als Anzeichen dafür gesehen, wie aktiv der beruhigende Teil des Vagusnervs ist.

Die Expert:innen betonen jedoch: Diese Messgröße wird von vielen Faktoren beeinflusst (zum Beispiel Atmung, Blutdruckregulation, Stress oder Alter) und ist kein direkter Spiegel eines „vagalen Tonus“. Sie ist eher ein indirektes Maß – kein Beweis für einen bestimmten autonomen Zustand.

2. Die „autonome Leiter“ sei zu vereinfacht

Die Polyvagaltheorie beschreibt drei Hauptzustände: soziale Verbundenheit (ventraler Vagus), Kampf oder Flucht (Sympathikus) und Shutdown oder Erstarrung (dorsaler Vagus).

Diese klare Zuordnung ist laut den Autor:innen neurophysiologisch nicht ausreichend belegt. Vor allem gebe es keine überzeugenden Beweise dafür, dass Dissoziation oder Erstarrung beim Menschen typischerweise durch einen bestimmten „dorsalen Vagusmechanismus“ ausgelöst werden.

3. Evolutionsargumente werden infrage gestellt

Die Polyvagaltheorie stellt dar, dass bestimmte Eigenschaften des Vagusnervs erst bei Säugetieren entstanden seien und soziale Verbundenheit ermöglicht hätten.

Die Expert:innen verweisen jedoch darauf, dass ähnliche Strukturen und soziale Verhaltensweisen auch bei anderen Wirbeltieren vorkommen. Daher sei die evolutionsbiologische Sonderstellung nicht so eindeutig, wie häufig dargestellt.

Fazit der Kritik

Die Autor:innengruppe kommt zu dem Schluss: Die biologischen Grundlagen der Polyvagaltheorie seien in ihrer derzeitigen Form nicht ausreichend abgesichert. Das bedeutet jedoch nicht, dass Beziehung, Sicherheit oder Körperregulation unwichtig wären – sondern dass die neurophysiologische Begründung überprüft werden müsse.

Die Reaktion von Porges

Stephen Porges widerspricht der Kritik. Er argumentiert, dass die Kritiker:innen seine Theorie nicht in ihrer Gesamtheit betrachten, sondern einzelne Messmethoden oder Detailfragen herausgreifen.

Aus seiner Sicht ist die Polyvagaltheorie ein übergeordnetes Modell der Zustandsregulation – also eine Landkarte, wie autonome Zustände organisiert sind. Diskussionen über einzelne Messgrößen seien nicht gleichbedeutend mit einer Widerlegung der gesamten Theorie.

Er betont außerdem, dass eine echte Widerlegung zeigen müsste, unter welchen klar definierten Bedingungen die zentralen Vorhersagen der Theorie nicht eintreffen. Das sei aus seiner Sicht bislang nicht überzeugend geschehen.

Was bedeutet diese Debatte für Betroffene und Therapeut:innen?

Die Polyvagaltheorie scheint in zentralen neurophysiologischen Grundannahmen nicht haltbar zu sein. Dennoch halte ich sie für die therapeutische Praxis als Orientierungsmodell für brauchbar.

• Die Sprache der Polyvagaltheorie kann hilfreich sein, um innere Zustände verständlich zu machen.
• Sicherheit, Co-Regulation und Körperwahrnehmung bleiben zentrale therapeutische Faktoren.
• Gleichzeitig sollte man vorsichtig sein, vereinfachte neurobiologische Aussagen als gesicherte Fakten darzustellen.

Viele Interventionen (zum Beispiel Atemarbeit, Beziehungsregulation oder Orientierung im Raum) bleiben sinnvoll – auch wenn die zugrundeliegende Neurophysiologie komplexer ist als die bekannte Drei-Stufen-Darstellung.

Man kann die Polyvagaltheorie als hilfreiche Metapher oder als Strukturierungsmodell nutzen, ohne sie als exakte Beschreibung der biologischen Realität zu verstehen.

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Quellen

Grossman, P., et al. (2026). Why the polyvagal theory is untenable. Clinical Neuropsychiatry, 23(1), 100–112. DOI: 10.36131/cnfioritieditore20260110

Porges, S. W. (2026). When a Critique Becomes Untenable: A Scholarly Response to Grossman et al.’s Evaluation of Polyvagal Theory. Clinical Neuropsychiatry, 23(1). DOI: 10.36131/cnfioritieditore20260111